SCRAPER - Ein Konzept-Album über ein Konzept, das Hand und Fuß hat!


Wer im Ruhrpott viel unterwegs ist, ist sicherlich einmal über den Namen Scraper gestolpert. Live waren sie schon viel unterwegs. Mit ihren Alben lassen sie sich aber Zeit. So ist „Infinite Journey" erst das zweite Langeisen der Band und ließ sechs Jahre lang auf sich warten. Die Wartezeit hat sich aber definitiv gelohnt. Denn anstatt eines von mir erwarteten billigen Ruhrpott Retro Abklatsch Thrash Metal-Albums ist es ein sehr innovatives Werk geworden, das mit viel Eigenständigkeit glänzt, auch wenn man ihre Einflüsse durchaus erkennen kann. Bassist Simon Royal, den ich noch von Cerebral Invasion her kenne, stand mir Rede und Antwort.

logoDaniel: Hi, Simon! Erzähl uns doch zunächst, wann und wie es zur Gründung von Scraper kam!

Simon: Unser alter Drummer, Daniel, und Tobias hatten Lust, zusammen Musik zu machen; am liebsten old-schooligen Thrash Metal. Mit Markus wurde schnell ein Gitarrist gefunden, den später Sebastian ersetzt hat. Es fehlte Gesang und Bass. Letzteres war eine Fügung des Schicksals, denn Daniel und ich waren auf einem Junggesellenabschied (Overkill Show 2016 in der Turbinenhalle), und bei der Gelegenheit erzählte er, dass er wieder Musik mache, es aber noch am Bass mangele, und ich meinte nur, geil, ich hab´ wieder Zeit und Bock, ich komm vorbei! Tjo, dann fehlte nur noch der Gesang, und da fiel mir Carsten ein, den ich schon über 30 Jahre kenne. Ich hab´ ihn gefragt, er sagte, grundsätzlich ja, aber er habe seit 20 Jahren nicht gesungen, aber Bock hätte er, und schon stand die erste komplette Probe im Herbst 2016. Daniel stieg dann Anfang der Corona-Zeit aus privaten und vollkommen nachvollziehbaren Gründen aus, und ich konnte Ralf für die Drums gewinnen. Anfangs nur zögerlich und nicht völlig überzeugt, später mit dem neuen Material, aber nicht mehr wegzudenken und voller Feuereifer dabei. Für Markus kam dann kurz nach Daniels Ausstieg Sebastian, der ebenfalls ein Gewinn war. Wir sind immer noch mit beiden Ex-Scrapern freundschaftlich verbunden, und die beiden machen inzwischen wieder gemeinsam Musik. Viel Erfolg euch!

Daniel: Ich finde, dass Ihr traditionell und zeitgemäß zugleich klingt. Und auch wenn Ihr sehr eingängig seid, höre ich auch eine leichte Progressivität heraus. Welche Bands zählen zu Euren Haupteinflüssen?

Simon: Ja, das ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass wir zwar alle Metal hören, aber doch mit sehr unterschiedlichen Wurzeln, und die jeweilige Annäherung fällt entsprechend unterschiedlich aus. Ein gemeinsamer Nenner ist sicher Voivod, deren punkig-progressiver Style irgendwie auch bei uns zu finden ist. Zumindest bilde ich mir das gern ein, haha! Unter der Lupe betrachtet, kommt Carsten vom Hardcore/Thrash/Crossover, Tobias vom Thrash/Melodeath, Sebastian Blackmetal/Punk und ich vom Prog/Death/Black; also alles dabei.

Daniel: Worum geht es in Euren Texten? Und steckt eine gewisse Kernaussage dahinter, die Ihr vermitteln wollt?

Simon: In unseren Texten, speziell in den Texten des aktuellen Albums, geht es oberflächlich und im weitesten Sinne um eine außerirdische Intelligenz, die dank ihres Gottkomplexes Planeten auslöscht. Sieht man genauer hin, erkennt man, dass es eigentlich um den unschuldig-unbedachten inflationären Ge- und Missbrauch von künstlicher Intelligenz geht und wie wir sie prägen, und vor allem, wie sie uns prägt. Tritt man zwei Schritte zurück, dann sieht man das große, ganze Bild. Dann handelt das Album und seine Texte von der Geburt, der Verbreitung, dem Tod und der Wiedergeburt einer Idee. Also im Grunde, ein Konzept-Album über ein Konzept.

Daniel: Seit Eurem Debüt-Album „Hunger Within“ sind sechs Jahre vergangen. Warum hat es so lange gedauert?

Simon: Wie alle Menschen auf der Welt hat Corona uns kalt erwischt und kann als Ausrede kaum herhalten. Bei uns kam hinzu, dass wir uns entschieden haben, ein Konzeptalbum zu machen. Wir wollten aber nicht irgendein Konzept-Album machen, sondern es sollte schon Hand und Fuß haben. Wir haben wirklich viel Grips reingesteckt und uns viele Gedanken dazu gemacht. Man mag gern sagen, es ist technisch nicht ausreichend oder langweilig oder sonst was, aber wer sagt, die haben sich nicht genug Mühe gegeben, der hat sich nicht hinreichend damit beschäftigt. Soweit lehne ich mich gern aus dem Fenster.

Daniel: Wie lange hat es denn letztendlich gedauert, die neuen Songs für „Infinite Journey“ zu schreiben und aufzunehmen?

Simon: Der anfängliche Prozess ging zügig. Das Gerüst stand bei einigen Songs binnen weniger Proben, der Feinschliff dauerte nur geringfügig länger. Als wir uns aber dem Ende näherten, war klar, dass wir alle Songs nochmal überarbeiten mussten, weil sonst der musikalische Plot nicht stimmig war oder weil wir Riffs vorgegriffen haben, die erst später Sinn machen sollten oder konnten. Ich würde sagen, am schlimmsten war es mit dem letzten Song „Inheritance of The Grand Design“: Da musste sich der Kreis schließen, und es mussten die wichtigsten Riffs nochmal eingebaut werden, und das Tempo am Ende musste mit dem des Anfangs übereinstimmen usw. 9 Songs fertig machen, um dann am ersten wieder zu schleifen? Das frisst Zeit…

scraperDaniel: Wo habt Ihr aufgenommen, und wer hat produziert?

Simon: Wir haben wieder mit Corny von Rambado Records aufgenommen, weil wir mit dem Sound des Debüts sehr glücklich waren. Corny ist selbst Drummer, und er hasst getriggerte Drums. Das kam uns sehr entgegen. Ich finde sogar, dass der Sound des neuen Albums nochmal deutlich fetter ist. Gerade in der Vinyl Version ballert das ordentlich. Gemastert hat Dennis Koehne. Die beiden sind in der Kombination ohnehin Erfolgsgaranten für guten Sound.

Daniel: Euer Artwork finde ich ziemlich geil! Von wem stammt es? Und wie seid Ihr mit dem Künstler in Kontakt gekommen? Kanntet Ihr bereits andere Arbeiten von ihm?

Danke! Der Künstler heißt Timon Kokott und hat schon einiges auf dem Kerbholz und schon einige großartige Cover geliefert, unter anderem die Artworks von Old Ruins, einer eng befreundeten Band aus Gelsenkirchen. So kam dann auch der Kontakt zustande. Die Zusammenarbeit mit Timon war auch echt ein Träumchen: Ich habe eine KI-gestützte Skizze angefertigt, ihm aber nur den Prompt geschickt. Das Ergebnis war tausend mal besser als alles, was die KI mir unter die Nase gehalten hat. Es gab dann wöchentliche Updates und immer wieder Beratungen und Nachfragen. Es war wirklich großartig! Ich kann ihn nur empfehlen!

Daniel: Das Artwork schreit geradezu nach einer Vinylveröffentlichung! Gibt es da schon irgendwelche Pläne diesbezüglich?

Simon: Selbstverständlich! Wir sind selbst Vinylsammler und waren der gleichen Ansicht wie Du. Es gibt zwei Versionen: eine ist green marbled und die andere heißt intergalactic. Das besondere ist, dass man die zweite Version nur auf unseren Konzerten bekommt. Sie sind strikt limitiert, auf genau 101 Stück, und in der Mitte sieht sie aus, wie die Mitte unsere Covers. Die green marbled bekommst auch bei uns, aber vor allem bei unserem Label Metalloscope Music unter metalloscopemusic.bigcartel.com. Ich bin sehr glücklich über beide Alben. Sie runden das Konzept ab.

Daniel: Während Euer Debüt noch ein Eigenregie erschienen war, seid Ihr nun bei Metalloscope unter Vertrag. Wie seid Ihr mit dem Label in Kontakt gekommen?

Simon: Ich kenne den Label Boss, Monte Lange, schon eine ganze Weile. Wir haben beide mal für ein Online Magazin geschrieben. Wir haben dann kurz nach Fertigstellung unseres Albums miteinander geschrieben, und er war sehr interessiert daran, es zu hören. Er wusste auch, dass wir ein Label suchen. Am Ende des Tages hab´ ich eine fünfminütige Sprachnachricht auf dem Handy gehabt, in der er mir schilderte, wie geil er das Album fand, und dass er, falls wir kein Label finden würden, es veröffentlichen würde, da es viel zu schade sei, es nicht der Öffentlichkeit im großen Stil zur Verfügung zu stellen. Wir waren sehr bewegt von seinen Worten, und da war die Entscheidung eigentlich schon getroffen. Seither wüsste ich nur Gutes über Metalloscope und Monte zu berichten. Er hält uns immer auf dem Laufenden und hat vor allem Spaß an der Sache. Ein absoluter Gewinn aus unserer Sicht!

Daniel: Da ich Euch hier im Ruhrpott schon häufiger mal auf Flyern gesehen habe, weiß ich, dass Ihr auch live spielt. Wann und wo kann man Euch demnächst auf der Bühne sehen?

Simon: Unsere nächste Show ist die Release Show am 15.05.26 im Jugendzentrum Hagenbusch in Marl. Das ist quasi unsere Kinderstube, da wir alle aus Marl sind und uns da musikalisch sozialisiert haben. Von daher kam auch keine andere Venue für die Release Show in Frage. Ansonsten haben wir noch paar Shows in der Pipeline, aber da dürfen nur noch nichts zu sagen, leider.

Daniel: Habt Ihr eigentlich auch schon im Vorprogramm von bekannteren Bands gespielt, zum Beispiel als Local Support? Oder wart Ihr bislang nur auf Underground Veranstaltungen zu sehen?

Simon: Ja, wir haben allerdings schon mit einigen bekannten Bands gespielt: z. B. Exumer, Tankard, Holy Moses und Disillusion. Darüber hinaus haben wir den Samstag auf dem Nord Open Air 2022 eröffnet, was eine wirklich dicke Nummer ist.

Daniel: Wie wichtig ist es Euch, auf der Bühne zu stehen und nicht nur ab und zu mal ein Album aufzunehmen?

Simon: Ich finde, und ich weiß, ich spreche auch für die anderen, dass es auf die Ausgewogenheit ankommt. Wir hatten jetzt eine längere Live-Pause, weil wir das Album vorbereitet haben, und da fehlen einem die Shows. Aber wenn man eine Reihe Shows macht, dann fehlt einem das Songschreiben. Wir haben da wirklich in der Regel die goldene Mitte gefunden.

Daniel: Ihr habt mit Schlagzeuger Ralf Schoenberg eine kleine Ruhrpott-Underground-Legende in der Band. Er war bereits von 1986 bis 1996 bei Eternal Dirge aktiv. Wie kam dieser Kontakt zustande?

Simon: Das war ein Glücksgriff. Ralf ist ebenfalls alter Marler, und wir Musiker kennen uns fast alle untereinander. Ralf kenne ich persönlich seit `88 oder vielleicht auch etwas eher. Als Daniel die Band verlassen musste, war Ralf der Erste, den ich fragen wollte. Ich musste ihn auch etwas bearbeiten, weil sich unser Stil damals nicht mit dem decken wollte, was ihm gefiel. Ich schilderte ihm, wohin die Reise ginge, und er war an Board!

scraperDaniel: Was steht in naher bis ferner Zukunft noch bei Euch an?

Simon: Es gibt noch ein paar Ideen und Pläne, die wir umsetzen wollen, aber ganz oben auf der Agenda steht, endlich mal ein paar Festivals zu spielen. Da sind wir noch recht unbedarft. Ja, und wie das so ist, nach dem Album ist vor dem Album: wir arbeiten bereits!

Daniel: Na gut, Simon! Dann gebührt Dir noch das Schlusswort!

Simon: Ich sag´ jetzt nicht, folgt uns auf Facebook, Instagram und Youtube, oder kauft unser Album. Stattdessen sage ich, passt aufeinander auf da draußen! Es sind finstere Zeiten. Vielen Dank für das Interview!

 



Autor: Daniel Müller