TÖRR - Die tschechische Blackmetal-Legende


2008 führte ich für ein Black Metal-Magazin, das sich vor knapp zwei Jahren auflöste, ein Interview mit Tschechiens Black Metal-Urgesteinen Törr, die musikalisch am besten mit Venom vergleichbar sind, aber auch Motörhead- und ein paar Thrashmetal-Elemente in ihrer Musik haben. 2011 gab es jedoch Streit in der Band, und Vlasta Henych, der seit 1986 (!) das einzige verbliebene Mitglied bei Törr war, wurde vor die Tür gesetzt. Vlasta und ich haben uns dazu entschlossen, das alte Interview nochmal zu überarbeiten und zu aktualisieren. Eine Sache muss ich aber zusätzlich noch ergänzen: Die erste Mini-CD "Psychonaut" seines neuen Solo-Projektes Henych 666 ist mittlerweile draußen. Hier also die ganze Geschichte noch einmal von hinten aufgerollt:

TÖRR logo INTI 2012Daniel: Hell-o Vlasta! Erzähl uns doch zunächst einmal etwas über Entstehung, Einflüsse und die Anfänge von Törr! 

Vlasta: Irgendwann im Jahre 1984 kaufte ich mir – beeinflusst von Venom und Motörhead – meine erste Bassgitarre und einen Verstärker und wollte auch diese Art Musik spielen, die von niemandem sonst hier in Tschechien gespielt wurde. Davor war ich Roadie und reiste mit einer Menge bekannter Bands durch die Gegend. Dort traf ich Ota Hereš und bot ihm an, in meine Band mit dem Namen 666 einzusteigen. Wir spielten nur aus Spaß im Proberaum und nahmen unsere Improvisationen auf Tape auf. Ota spielte damals traditionellen Heavy Metal mit seiner Band Törr. Das Line-Up verließ ihn 1986, und er bot mir an, bei Törr einzusteigen. Ich war einverstanden, aber mein Anliegen war, dass wir zu dritt sein müssten. Er sollte also singen, und es sollte etwas Neues, Einfallsreiches werden, mit der dazu gehörigen Einstellung; egal, was die Kommunisten dazu sagen würden! Es war orthodoxer Blackmetal, eine Art tschechische Antwort auf Venom! “ Innerhalb eines Monats schrieben wir unser eigenes Material. Das meiste davon ist auf dem „Witchhammer“-Album enthalten. Nach dem Gig in dem kultigen „Barca Club“ an Weihnachten 1986 wurden wir bekannt in der gesamten Tschechoslowakei. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, so zu sagen. Innerhalb von nur einem Jahr war ein Artikel von uns im Deutschen „Rock Hard“-Magazin, und wir hatten einige Anfragen aus der ganzen Welt. Davon zu erzählen, wie es war, so eine Art von Musik in diesem kommunistischen Land zu spielen, würde ewig dauern. Die heutige Generation würde es aber ohnehin nicht verstehen oder glauben…
 
Daniel: 2006/´07 habt ihr ziemlich viel in Eurer Vergangenheit gewühlt. Es gab die beiden Compilations „Witchhammer“ auf Vinyl und „Inkubatörr“ mit den kompletten Demos als 3er-CD-Box!
 
Vlasta: Ja, wir veröffentlichten die Doppel-LP „Witchhammer“, um das 20-jährige Jubiläum der Band dieses Materials für Vinyl-Sammler zu feiern. Die 3er-CD-Box „Inkubatörr“ beinhaltet dagegen alle frühen Demos und Raritäten, die bis dato nur auf Tapes im Umlauf waren. Diese Tapes sind mittlerweile natürlich sehr abgenutzt durch vielfältiges Kopieren und auch durch das Altern an sich. All diese Songs wurden nie zuvor in solch einer Sammlung veröffentlicht. Aber ich finde, wir waren das unseren Fans schuldig!
 
Daniel: Was bedeutet der Name Törr eigentlich? Und was hat es mit dem Umlaut in dem Namen auf sich? In Tschechien habt ihr ja gar keine Umlaute… Warum, glaubst Du, sind andere Länder davon so fasziniert? Einige Bands anderen Ländern, die ebenfalls keine Umlaute in ihrer Heimatsprache haben, haben sie ja ebenfalls benutzt (Motörhead aus England, Blue Öyster Cult und Mötley Crüe aus den USA, Infernäl Mäjesty aus Kanada usw.). Warum auch Törr? Und was hat es mit den Wortspielen „InkubaTÖRR“ und „TÖRRitorium“ auf sich? Reiner Spaß oder ein ernsterer Hintergrund? 
 
Vlasta: Törr kommt aus der Physik. Es ist eine ehemalige Einheit für atmosphärischen Druck, benannt nach dem italienischen Wissenschaftler Evangelista Torricelli. Der Umlaut bezieht sich auf meine Lieblingsband Motörhead, weiter nichts. Die Wortspiele in den Titeln sind nur ein Spaß bei der Sache, wo man den Namen so alles anwenden kann – ganz einfach, hehe!“
 
Daniel: Viele tschechische Bands enden mit „or“, z. B. Törr, Kryptor, Assesor, Moriorr oder Hellocaustor. Gibt es dafür einen bestimmten Grund? Oder ist das Zufall?
 
Vlasta: „Es gibt Hunderte dieser Bands in unserem Land! Weil Törr keine Angst davor hatten, ihre Musik seinerzeit zu spielen, wurden wir zu Idolen vieler junger Musiker, und sie fingen damit an, ihre Bands ebenfalls mit „or“ am Ende zu benennen. Von den Bands, die man auch im Ausland kennt, waren es Krabator (später dann Krabathor; Anm. d. Verf.) und Root (Das ist wiederum inspiriert von Törr; nur rückwärts geschrieben; bis heute weisen sie stolz darauf hin!).“
 
Daniel: Törr klangen am Anfang stark nach Venom. Später waren Törr eher im Thrash Metal anzusiedeln. Haben sich Eure musikalischen Einflüsse im Laufe der Jahre verändert? Findest Du es wichtig, sich als Band immer weiter zu entwickeln und nicht auf der Stelle zu treten? Was hältst Du von den anderen tschechischen Horden wie Debustrol oder Moriorr, die sich bis heute mächtig verändert haben? Magst Du ihre neueren Sachen auch noch?
 
Vlasta: „Mit dem ersten Demo „Witchhammer“ huldigten wir Venom. Als wir die nächsten Songs geschrieben hatten, suchten wir schon nach einem eigenen Stil. Wir wurden mehr „open-minded“. Für uns ist es immer noch Rock´n´Roll, aber wir haben sicher unsere eigene Identität gefunden. Ich würde nicht sagen, dass Törr traditionellen Thrash Metal spielen! Wir liebäugelten mit Thrash Metal auf unserem zweiten Album "Institut Klinicke Smrti" von 1991. Danach hatten wir jedoch nie wieder etwas mit Thrash Metal am Hut. Das ist der Stil und die eigene Identität, bei der die Kritiker immer Probleme haben, Törr in eine bestimmte Schublade zu stecken. Wir haben solche Bezeichnungen nie mehr benutzt. Es hat uns nicht interessiert, ob man uns als Rock- oder Metalband bezeichnete. Ich toleriere es, dass Leute uns eine „Blackmetal-Legende“ genannt haben; jedoch nur in Bezug auf unsere Anfänge! Debustrol und Moriorr sind Freunde von uns. Deshalb unterstützen wir uns auch heute noch gegenseitig.“
 
Daniel: Seit „Made In Hell“ ist Ota Hereš als Gitarrist und Sänger wieder mit an Bord. Er hat zu Demozeiten bereits bei Törr gespielt. Wie kam es zu der Rückkehr? Er hat noch eine Band namens Alkehol (mit „e“; ohne Scheiß!). Sie spielen eine Mischung aus Hard Rock und Punk. Magst Du ihre Musik? Und weißt Du, was die anderen ehemaligen Törr Mitgleider heute so machen? Sind Pavel Kohout (der auch bei Moriorr war), Martin Melmus und Daniel Šakal noch aktiv?
 
Vlasta: „Ja, Ota spielt noch bei der Säufer-Punk-Band Alkehol; ebenso wie Schlagzeuger Martin Melmus, der auf den ersten drei Törr Alben getrommelt hat. Ich bot ihm damals an, zu Törr zurückzukehren, aber dann schnappte ich mir Vajda und Izzi. Ota fühlte sich geehrt, zurückzukehren, und es ist auch kein Problem für ihn, in zwei Bands gleichzeitig zu spielen. Ich habe keine Ahnung, was die anderen Ex-Mitglieder haute alle so machen. Aber ich bezweifle, dass sie noch aktiv sind. Sonst hätte ich noch mal etwas von ihnen gehört…“
 
Daniel: Wie kommt es eigentlich, dass Du Dir den Gesang immer mit dem jeweiligen Törr Gitarristen geteilt hast? Wenn man nicht im Booklet nachliest, fällt es eigentlich kaum auf…
 
Vlasta: „Als Tscheche würdest Du den Unterschied wohl sofort hören, hehe! Ich wollte nie, dass der Gesang eintönig klingt. Wir waren ja schon dadurch eingeschränkt, dass wir immer nur als Trio zusammen gespielt haben… Je mehr Einflüsse, desto facettenreicher auch die Musik.“
 
Daniel: Was ich an Törr immer sehr mochte, war die Einstellung der Band. Es gab von all Euren Alben auch immer Vinyl- und Tape-Versionen. Findest Du nicht auch, dass sich das für eine so alte Band mit einem solchen Status auch so gehört? Was hältst Du von Bands, wie z. B. die tschechischen OLD, die sich als „Old School“ bezeichnen, aber ihre Demos nur online als MP3 zum Runterladen anbieten, ohne dass der Hörer überhaupt einen Tonträger in den Händen hält?
 
Vlasta: Es ist nicht absolut notwendig. Aber wir sind uns dessen bewusst, was wir tun und schätzen unsere Fans sehr! Deswegen wollten wir ihnen auch immer das Beste geben! Ich habe noch nie etwas von diesen OLD gehört… Also denke ich auch gar nichts über sie! Und es interessiert mich auch einen Dreck, wie sie ihre Musik promoten. Wie auch immer: Sie sind wahrscheinlich nicht besonders erfolgreich hier, wenn ich sie nicht kenne…
 
Daniel: Warum war Euer „Tanec Svatýho Víta“-Album aus dem Jahre 2000 eigentlich so schrecklich modern und anders, als alle anderen TÖRR Alben? Warum kamt ihr auf die Idee, Rammstein-Riffs und einen Drumcomputer zu verwenden? Waren viele Eurer Fans damals enttäuscht über diese Entwicklung? Hätte man das Album nicht besser unter einem anderen Namen als Nebenprojekt herausbringen sollen?
 
Vlasta: Tatsächlich hast Du die Frage schon selbst beantwortet. Später erkannte ich, dass es ein Fehler war, dieses Projekt unter dem Namen Törr veröffentlicht zu haben. Nach all den Jahren wollten wir versuchen, auch andere Musik mit in die Musik einfließen zu lassen. Wenn Du allerdings die Programmierungen und Drumloops von der eigentlichen Musik trennst, bleiben es doch typische Törr Songs. Wie auch immer: Unsere orthodoxen Fans haben das Album damals nicht akzeptiert. Ich stehe nach wie vor hinter diesem Projekt und bedaure auch nicht, es gemacht zu haben, da wir die erste Band in unserer Heimat waren, die so etwas überhaupt gewagt hat! Knapp zwei Jahre später gab es eine Unmenge von diesen „Nu Metal“-Bands… Und heute ist so etwas Standard. „Tanec Svatýho Víta“ ist einfach zur falschen Zeit unter falschem Namen veröffentlicht worden!“
 
Daniel: Einzig der Opener „My“ war auf „Tanec Svatýho Víta“ einigermaßen hörbar. Worum geht es in dem Text? Ich kann kein tschechisch… Aber mir fiel auf, dass dort viele alte Songtitel von Törr verwurstet wurden. Eine Art Abrechnung mit der Vergangenheit? Bei dem Stilwechsel wäre das ja durchaus denkbar gewesen…
 
Vlasta: Der Text zu „My“ (“Wir“) ist aus alten Törr Songtiteln zusammengesetzt, ja. Wir machten uns hier über uns selbst lustig. Der Text enthielt viel Selbstironie.
 
Daniel: Olda Ríha von Katapult (einer alten 70er-Rockband aus Tschechien; Anm. d. Verf.) hat das Intro von „My“ gesprochen. Roman „Izzi“ Izaiás spielte Gitarre und sang auch einen Teil der Songs auf „Tanec Svatýho Víta“. Er spielt heute in einer Band namens Doga, die normale Rockmusik spielt. Magst Du die Musik von Katapult und Doga? Und was macht Petr Vajda, der auf „Tanec Svatýho Víta“ getrommelt hat, heute?
 
Vlasta: In „My“ machen wir uns über uns und Katapult lustig. Aber ich liebe Katapult! (Ich auch! - Daniel). Meine Generation ist mit ihrer Musik aufgewachsen. Vajda und Izzi spielen immer noch in der kommerziellen Rock-Band Doga. Ich mag die Leute zwar, aber ich finde ihre Musik nicht besonders gut.
 
TÖRR cover INTI 2012Daniel: Wovon handeln Eure Texte sonst so? Sie scheinen durchweg antichristlich zu sein. Habe ich da Recht? Alle Eure Texte - außer die neue Version von Kladivo Na Čarodejnice“, die jetzt „Witchhammer“ (auf der „Witchhammer“-LP) und „Mallevs Maleficarum (auf der „Törritorium“-LP) heißt – sind komplett auf Tschechisch verfasst. Gibt es in Tschechien immer noch das Problem, dass die Englischkenntnisse aufgrund Eurer kommunistischen Vergangenheit immer noch nicht weit verbreitet sind? Oder ist es für Dich reine Bequemlichkeit? War die englische Version ein einmaliges Experiment? Oder hast Du auch irgendwann einmal vor, ein komplett englischsprachiges Album aufzunehmen?
 
Vlasta: Die Situation mit der englischen Sprache verbessert sich hier so allmählich, und die neue Generation kann englisch auch ohne Probleme sprechen. Wir machten eine englische Version von „Kladivo Na Čarodějnice“ (“Witchhammer“), um allen zu zeigen, dass wir das auch können, wenn wir denn wollten. Aber wir sind eine tschechische Band, die hauptsächlich vor ihren Landsleuten spielt, weil sie uns unterstützen und wir von ihrem Geld leben, hehe! Ich persönlich kann nicht wirklich gut englisch, wie Du ja weißt, so dass ich mich nicht so gut ausdrücken könnte, wie in meiner Heimatsprache. Törr waren immer ziemlich auf die Sprache basiert, und wir wollten unsere Fans niemals abzocken! Auf der anderen Seite würde das Singen auf Englisch auch unsere Identität und unseren „Exoten-Bonus“ wegnehmen. Wir haben mit Törr zwei Shows in Deutschland gespielt, und die Reaktionen waren großartig, obwohl sie uns nicht verstanden haben, hehe! Wir haben auch Fans in den USA und Skandinavien. Sie alle wollen, dass wir auf Tschechisch singen. Sie mochten die englische Version von „Kladivo Na Čarodějnice“ nicht einmal, weil sie fanden, dass die Version in unserer Landessprache einfach viel authentischer klingt! Vor allem eroberte meine absolute deutsche Lieblingsband Rammstein die Welt in ihrer Heimatsprache. Alle anderen, wie z. B. Helloween, Destruction, Kreator, Sodom usw. verloren meiner Meinung nach ihre Identität dadurch, dass sie auf Englisch singen…“  
 
Daniel: Bist Du eigentlich überzeugter Satanist? Oder sind Eure Texte nur eine Sache des Klischees? Immerhin seid ihr 2004 mit Root auf Tour gewesen. Eines dieser Konzerte wurde auch auf DVD veröffentlicht (zwar offiziell, aber nur mit einer Kamera!). Jiri „Big Boss“ Valter (der Sänger von Root) ist - soweit ich weiß – überzeugter Okkultist und gilt sogar als der „King Diamond aus Osteuropa. Wie sieht das bei Dir und den anderen Törr Mitgliedern aus?
 
Vlasta: Was bedeutet „echter Satanist“? Gibt es irgendeinen Maßstab dafür? Ich gründe keine Sekte dafür. Ich habe kein umgedrehtes Kreuz in meine Stirn gebrannt und erzähle Leuten auch nicht, wie sie zu leben haben oder welchen Weg sie in ihrem Laben gehen sollen! Die Freiheit der Menschen steht über allen religiösen Handbüchern dieser Welt! Meine Religion ist meine persönliche Angelegenheit. Meine Texte sind satanisch, pflastern jedoch nicht meinen Weg… In meinen Texten versuche ich, Übertreibung; Spaß, Politik und einfache Fragen, die das Leben aufwirft, zu verarbeiten; auch einige Kontroversen als einen Schock, um Menschen zum Nachdenken zu bringen. Zum Beispiel ist der Text von „Válka S Nebem“ („At War With Heaven“) - meiner Meinung nach - bis heute ungeschlagen unter Black Metal- und anderen Bands.
 
Daniel: Glaubst Du, dass Törr außerhalb Tschechiens so unbekannt sind, weil keiner Eure Sprache beherrscht? Wäre Euer Status nicht ungleich höher, wenn alle Eure Texte auf Englisch verfasst wären? Oder interessierte Euch das nie?
 
Vlasta: Doch, natürlich interessiert mich das! Unglücklicherweise… Wenn unser Musikstil weltweit populär gewesen wäre und nicht zu viele Bands diese Art Musik gespielt hätten, wären wir in der kommunistischen Tschechoslowakei weggesperrt worden! Wären die Grenzen 1986 offen gewesen und hätten wir ein gutes Management gehabt, würden uns viel mehr Leute im Ausland kennen. Wir haben schon zweimal in Deutschland gespielt und sollten auch nach Schweden, Finnland und Dänemark kommen. Törr könnten recht häufig im Ausland spielen, aber nicht jeder Veranstalter ist dazu bereit, unsere Wünsche zu erfüllen… Wir sind auch schon zu alt, um irgendwelche Kompromisse einzugehen…“
 
Daniel: Es fällt auf, dass auf tschechischen Festivals seit 1988 mehr oder weniger dieselben Bands spielen. Gab es da nie so etwas wie ein Konkurrenzdenken? Oder ziehen alle Bands bei Euch an einem Strang? Gibt es auch neuere Bands, die Du uns weiter empfehlen kannst?
 
Vlasta: „Für so ein kleines Land gibt es wirklich eine Menge verschiedener Bands. Wirklich fast jeder Tscheche ist Musiker. Mein Cousin spielt Musik, die mit den der besten Gitarristen der Welt verglichen werden kann! Ich bevorzuge Bands, die es schon verdient haben, ein Teil der Szene zu sein, z. B. Krucipüsk oder die alten Kurtzany 25 Avenue. Es gibt viele junge Metalbands hier im Underground. Aber sie sind noch nicht ausgereift genug, und sie könnten die Leute nicht unterhalten. Deshalb gibt es hier so viele Festivals, wo immer dieselben Bands spielen. Es kommt auf den Markt an: Wenn die jungen Bands gut genug wären, dann würden sie auch von Veranstaltern gebucht werden. Es gibt eine ganze Menge großartiger Gitarristen hier. Aber sie haben keinen Einfallsreichtum oder Songwriter Potenzial. Sie sind auch nicht originell. Jeder will wie jemand aus dem Ausland klingen, was noch lange keinen Künstler ausmacht. Tschechien ist ein kleines Land mit einem kleinen Markt. Aber selbst, wenn die Bands untereinander gut klar kommen, unterstützen sie sich nicht genügend gegenseitig. Es ist zwar unlogisch, aber wahr.“
 
Daniel: Eine Sache interessiert mich noch in Bezug auf Törr: die Knochenkathedrale von Kutná Hora (Kuttenberg; 70 km von Prag entfernt). Sie wurde mit Gebeinen von 40.000 Menschen ausgeschmückt. Man könnte annehmen, dass es sich hier u ein satanisches Gebäude handelt. Es handelt sich hierbei allerdings um ein katholisches Gotteshaus! Törr haben hier das legendäre Coverfoto für das Debüt-Album „Armageddon“ geschossen. Allein durch die Kulisse ist das Titelbild schon totaler Kult! Wie wichtig ist Dir das Gebäude? Welchen Bezug hast Du dazu? Hat die Atmosphäre diese mystischen Ortes Eure Musik in irgendeiner Form beeinflusst? War der Fototermin dort eigentlich offiziell? Oder brauchtet ihr dafür eine Genehmigung? Und erzähl uns bitte mehr über den historischen Hintergrund der Knochenkathedrale von Kutná Hora!
 
Vlasta: „Es gab eine Schlacht in der Nähe von Kuttenberg. Es gab dort viele, viele Opfer, und niemand war dazu in der Lage, alle Opfer zu begraben. Letztendlich machte ein Mönch diese Knochengrabstätte daraus als eine Huldigung an diese Opfer. Ich hatte niemals eine besondere Binding an diesen Ort, weil es mehrere solcher Orte in unserem Land gibt. Und in meiner Schulzeit waren wir dazu verpflichtet, diese Orte zu besuchen. Als wir an „Armageddon“ gearbeitet haben, habe ich mich an diesen Ort zurückerinnert. Wir schnappten uns unsere Instrumente, Kostüme, Franta Štorm (Master’s Hammer-Sänger; Anm.  d. Verf.), der die Fotos gemacht hat und seine Kamera und fuhren dort hin. Als wir uns über die Preise erkundigten und wer der Besitzer des Ortes incl. eines angrenzenden Friedhofs war, sagte er uns, dass er uns auf keinen Fall mit der Kamera rein lassen würde, weil das Grabschändung sei. Ich schickte unseren Manager zu ihm. Er gab dem Priester 200 tschechische Kronen (etwa 8 €), und auf einmal durften wir hinein und unsere Fotos machen. Bedingung war aber, dass wir die Fotos nicht veröffentlichen würden. Er schloss die Grabstätte unseretwegen sogar für den Rest des Tages! Und wir haben noch nicht einmal darauf geachtet, dass wir unseren Bus zwischen den Gräbern des Friedhofs geparkt hatten, so dass wir das ganze Zeug nicht zu weit schleppen mussten…
Als die Fotos fertig waren, wurden sie sofort für das LP-Titelbild und die Poster verwendet; ein weiterer Beweis dafür, wie instabil eine Religion tatsächlich ist, hehe…“ 
 
Daniel: Eine Frage habe ich noch zu einem Projekt, an dem Du mal beteiligt warst: Zemetreseni. Was hatte es damit auf sich? Es gab nur ein Live-Album mit dem Titel „Zive“, das 1993 aufgenommen wurde, aber erst 2001 erschienen ist. Ex-Arakain Sänger Aleš Brichta hat dort gesungen, und Miloš „Dodo“ Doležal - der Produzent des legendären „Ultra Metal“ Samplers (mit Debustrol, Moriorr, Master’s Hammer usw.) - hat dort Gitarre gespielt. Du warst dort Bassist. Das Material war normaler Hard Rock und wurde komplett von zwei Leuten namens Jirka Schlesinger und F. R. Čech geschrieben. Wer waren diese beiden? Und wer kam auf die Idee, ein einziges Konzert mit über 60 Minuten nur mit unbekannten Coverversionen von ihnen zu spielen? Ich glaube, dass das zwar im Booklet der CD erklärt wird, allerdings bin ich ja der tschechischen Sprache nicht mächtig und habe daher auch keine Ahnung, worum es bei „Zive“ überhaupt ging. Gab es noch mehr Nebenprojekte, an denen Du beteiligt warst? Bitte klär uns mal auf!
 
Vlasta: „Nein, Zemetreseni waren – neben dem Produzieren anderer Bands – mein einziges Nebenprojekt. 1992 gewann ich den Rock-Wettbewerb „Černá Vrána“ („Schwarze Krähe“) als bester Bassist des Jahres. Aleš Brichta wurde zum besten Sänger gewählt, Miloš „Dodo“ Doležal zum besten Gitarristen und Štepán Smetáček zum besten Drummer. Als eine Art „Danke schön“ an die Fans entschlossen wir uns, eine Allstar-Band zu gründen, und 1993 nahmen wir ein Album unter dem Namen Zemetreseni („Erdbeben“) auf. Dies war ein Tribut an unseren Hard Rock-Sänger Jiri Schlesinger aus den 1970er-Jahren, der tragischerweise ums Leben kam, als er von einer Brücke in den Fluss Danube in Bratislava gesprungen ist, kurz bevor er das Album abschließen konnte. Wir machten dieses Album als ein Tribut an ihn für seine und unsere Fans. Dieses Projekt war sehr erfolgreich auf dem Markt. Wir verkauften 50.000 Alben, worauf ein ausverkaufte Tournee folgte, von der die Kassette kam, die wir 2001 in Amerika neu abgemischt und als eine Live-CD wieder veröffentlicht haben. F. R. Čech ist ein Songwriter, und er war an den Songs dieses Albums ebenfalls beteiligt. Er lebt heute noch und war der Garant des Albums.“
 
Daniel: Wir waren gerade kurz bei Aleš Brichta. Mich würde interessieren, was Du über die letzten Arakain Alben denkst, die die Band ohne ihn aufgenommen hat. Der neue Sänger Honza Toužimský (seit 2002) ist ja ganz gut. Aber findest Du nicht auch, dass Aleš Brichta bei Arakain unersetzlich ist, und dass die neuen Alben eine Spur zu modern für die alten Fans der Band sind?     
 
Vlasta: „Ich finde nicht, dass sie zu modern sind. Ales entschied sich, Arakain zu verlassen, nachdem es lange Meinungsverschiedenheiten gegeben hatte, die die Blockierung zwischen ihm und dem Rest der Band waren, sind und wohl auch immer sein werden. Ich verurteile ihre Musik nicht, weil sie alle meine Freunde sind! Die Trennung von Aleš war sehr unglücklich… Es ist vergleichbar mit den Trennungen von Judas Priest, Iron Maiden, oder Ozzy bei Black Sabbath. Die Zeit hat aber gezeigt, dass sich die erhitzten Gemüter wieder beruhigt haben.“
 
TÖRR band 2 INTI 2012Daniel: Noch mal eben zurück zum eigentlichen Thema des Interviews: Warum kam es denn jetzt eigentlich zum Split zwischen Dir und Törr? Und warum macht die Band unter diesem Namen weiter, obwohl Du das einzige permanente Band-Mitglied von 1986 bis 2010 warst?
 
Vlasta (Foto 2. v. l.): Die Band will musikalisch völlig neue Wege gehen, mit denen ich mich nicht mehr identifizieren kann… Wir haben uns richtig zerstritten. Ich habe zu den Leuten keinen Kontakt mehr!
Wie zu Beginn des Interviews bereits erwähnt: Den Namen Törr benutzte Ota Hereš bereits, bevor ich 1986 eingestiegen bin. Er besitzt leider die Namensrechte. Das Kapitel Törr ist für mich abgeschlossen! Ich habe ein neues Solo-Projekt am Start: Henych 666. Es geht aber nur schleppend voran, weil ich ziemlich faul bin, hehe! Deshalb kann ich Dir erstmal auch noch nichts darüber sagen, sorry…“
 
Daniel: Na gut, Vlasta! Danke noch mal für Deine Mühe! Die letzten Worte gehören Dir!
 
Vlasta: Danke für das Interview! Ich habe Dir ja damals schon geschrieben, dass ich überrascht war, wie viele Details Du schon über Törr wusstest! Daran kann mal sehen, dass Du Dich entweder gründlich vorbereitet hast, oder dass es um das Wissen um Törr im Ausland gar nicht mal so schlecht steht, wie ich das bislang immer vermutet hatte! Danke auch, dass Du das Interview noch mal überarbeiten und veröffentlichen wolltest, nachdem die Band es nach meinem Rauswurf komplett von der Homepage gelöscht hat!
Danke und Cheers!



Autor: Daniel Müller