WITCHWOOD - LITANIES FROM THE WOODS


Label:JOLLY ROGER
Jahr:2017/2015
Running Time:79:01
Kategorie: Re-Release
 
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Um zu den Ursprüngen der italienischen Witchwood zu gelangen, müssen wir das Rad der Zeit um rund ein Jahrzehnt zurückdrehen. 2008 gründete sich Buttered Bacon Biscuits, als Nebenprojekt einer ganzen Reihe weiterer Bands. Ein Jahr später wurde das bis dato einzige Album der Combo "From The Solitary Woods" veröffentlicht und heimste riesige Erfolge und Liveauftritte mit den Rockveteranen von Uriah Heep und Jethro Tull ein. Es kam, wie es leider so häufig passiert, und die Band trennte sich aufgrund persönlicher Differenzen. Sänger Riccardo "Ricky" Dale Pane gründet daraufhin sein eigenes Projekt, scharrte weitere fünf Mannen um sich, und veröffentlichte mit Witchwood in 2015 "Litanies From The Woods", welches nicht nur im Titel an das Debütalbum von Buttered Bacon Biscuits erinnerte. Übrigens weist ein Album der britischen Jethro Tull aus 1977 einen ganz ähnlichen Namen, nämlich "Songs From The Wood" auf, aber dies sei nur am Rande erwähnt. Die Scheibe avancierte in ihrem Heimatland zu einem der besten Prog-Rock-Alben des Jahres.

Nach ein paar rockigen Tönen auf dem Sechssaiter ("Prelude"), kommt "Liar" mit ganz klassischen Hardrock und hat bereits alles, was diese glorreichen 70er-Jahre ausgemacht hat. Einen durchgehenden Groove, einen exzellenten Workout an den Klampfen, die so typische Hammond und dazu einen Shouter, der einfach alles richtig macht und nach zweieinhalb Minuten ertönt auch die so liebgewonnene Querflöte im ambienten, leicht jazzigen Gefüge. "A Place For The Sun", setzt die Odyssee in die Vergangenheit fort und man glaubt fast, man hätte eine alte Uriah Heep Scheibe aufgelegt und am Keyboard zockt ein ganz junger Jon Lord. Mann oh Mann. Klar ist das alles der totale Retro, aber so verflucht geil gemacht. Die sanfte Akustikgitarre und das wabernde Keyboard, laden so ein bisschen zum Verweilen ein und bei dieser übermelodischen Gitarre kommen einem fast die Tränen und dann diese überfette Orgel. Bei "Rainbow Highways" wird dann zunächst richtig gerockt aber auch hier stehen klasse Melodien und das eine oder andere Geklimper auf dem Klavier im Focus, unterstützt von schön verfuzzten Riffern und dem einen oder anderen Solo zum Niederknien. Beim ruhigen "The Golden King", wird es merklich psychedelisch und es erinnert an Anfänge von Black Sabbath, Pink Floyd und gesangliche Arrangements von Wishbone Ash bei ganz sanften, zum Dahinschmelzen einladenden Vocals. Akustisch geht "Shade Of Grey" rein, bleibt warm im leichten Hanfnebel und überzeugt durch die vereinzelten Tieftöner, die der Nummer was Gewaltiges geben. Ricky artikuliert sich einfach phänomenal und besser kann eine Stimme kaum die Gefühle wiedergeben, die sich dem Hörer da offen tun. Ein paar punktiert gesetzte, weibliche Choranteile und dann diese unglaubliche, folkrockige Querflöte, ehe spacerockige Phasen das Ende einleiten. "The World Behind Your Eyes" erinnert in dem akustischen Gezupfe an Cat Stevens, transferiert langsame Whitesnake und haut zum Finale nochmal das Beste von Uriah Heep raus, ehe es in wieder in melancholische Gefilde abdriftet. Das mehr als fünfzehn Minuten lange "Farewell To The Ocean Boulevard" beginnt erstaunlich seicht, verkommt dann in progressiven Spielereien mit vereinzelten Soli an der Flöte oder auch an den Drums, hat dann wache Phase im Stile von Jethro Tull, bleibt aber insgesamt auf der schwächeren Seite, mutmaßlich auch weil der so gute Sänger gar nicht zum Zuge kommt. Dafür darf er sich dann beim durchweg härter einsteigenden und mit einer Mundharmonika verzierten "Song Of Freedom" so richtig ausrotzen. Dumpfe Tasten läuten das Finale mit dem schleppenden und episch-hymnisch angelegten "Handful Of Stars" ein, welches insbesondere in den Refrains eine gewisse Moderne nicht verbergen kann.

Witchwood packen auf ihren ersten Output die Ergüsse der besten Classic Rock Bands der 70er-Jahre und schaffen einen Mix, dem sich Fans von Uriah Heep, Jethro Tull, Deep Purple, frühen Whitesnake, Black Sabbath, Wishbone Ash, Led Zeppelin, Free aber auch Pink Floyd kaum entziehen können. Ich bin durchaus veranlasst die Höchstnote zu geben, wenn da nicht dieses instrumentale Epos wäre, was einfach viel zu lang und ausufernd ertönt. Okay, einen vollen Punkt Abzug und vergessen wir mal Begriffe wie Innovation & Co. Das hier ist Retro, wie er im Buche steht aber handwerklich und stimmlich nahezu perfekt gemacht. So ein Ding in den damaligen Jahren und jeder würde die Italiener kennen.

Note: 9 von 10 Punkten
Autor: Andreas Gey


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