HELMET - Nicht mehr dieselbe Band


Ich bin eigentlich kein Freund moderner Klänge. Das war ich auch schon vor zwanzig Jahren nicht. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Eine dieser Ausnahmen sind Helmet, die heute als Urväter des modernen Metal gelten. Ich habe schon sehr viele Interviews gemacht. Aber mit den ganz großen Namen klappt es leider eher selten. Somit wollte ich mir diese Chance nicht nehmen lassen. Ich nahm den Hörer in die Hand und telefonierte knapp zwanzig Minuten mit Helmet-Gründer, Sänger und Gitarrist Page Hamilton vor ihrem Auftritt in Köln, den ich mir aus terminlichen Gründen leider nicht ansehen konnte.

logoDaniel: Hi Page! Wie geht´s? Bitte erzähl uns doch zunächst etwas über die Anfänge von Helmet! Wie kam es 1989 zur Gründung der Band? Und hattest du zuvor schon in anderen Bands gespielt?

Page: Ja, ich hatte schon in einigen Bands gespielt, vor allem, seit ich in Brooklyn lebte. Wir hatten auch mal ein Nebenprojekt, das Influate hieß. Mit einem der Leute arbeite ich auch gerade an einem Album. Vor Helmet spielte ich auch noch bei Band Of Susans. Wie es dann zu Helmet kam? Tja, ich hatte für Band Of Susans ein paar Songs geschrieben, aber sie lehnten diese ab. Die Songs waren zwar wirklich gut, aber sie passten stilistisch nicht zur Band. Also beschloss ich, meine eigene Band zu gründen. Ich nahm eine Anzeige auf und lernte so Schlagzeuger John Stanier und Gitarrist Peter Mengede kennen. Danach probierten wir viele verschiedene Bassisten aus, ich glaube es waren etwa fünfzehn, bevor wir uns schließlich für Henry Bogdan entschieden hatten. Und das war eine gute Entscheidung!

Daniel: Welche Bands haben dich beeinflusst? Und inwiefern haben sich diese Einflüsse über all die Jahre hinweg geändert?

Page: Am Anfang waren das Bands wie Led Zeppelin, Aerosmith, Ted Nugent, AC/DC und natürlich Black Sabbath. Später habe ich dann Jazzmusik, klassische Gitarristen und Jazzgitarristen aus New York für mich entdeckt; Leute wie Wes Montgomery, John Coltrane, Miles Davis, Charlie Parker und Johnny Christian. Ich liebe diese Leute! Als wir noch mit Band Of Susans aktiv waren, haben wir viel Gang Of Four gehört und waren mit Wire auf Tour. Auch diese Bands haben uns beeinflusst. Dann hörte ich auch viel Musik aus New York zu der Zeit, wie zum Beispiel Marc Ribot. Es gab unheimlich viel unterschiedliche Musik und gute Musiker. Und so erweiterten sich die Einflüsse immer weiter. Heute höre ich sehr viel klassische Musik und Jazz, aber auch viel Musik mit Stromgitarren.

Daniel: Worum geht es in deinen Texten? Gibt es eine bestimmte Kernaussage oder Ähnliches?

Bei mir geht es nicht um Klischees. Aber alles kann ein Einfluss für meine Texte sein: Comedy, ein Kommentar über Beziehungen. Vieles ist auch von der Gesellschaft geprägt; vor allem hier in Amerika. 1982 bin ich als junger Mann viel rumgereist und habe viele Eindrücke mitgenommen, die ich verarbeiten konnte. Viele Menschen klammern sich an Dinge, die sie nicht verstehen. Als Band bist du immer auf der Suche nach neuen Inspirationen.

Daniel: Euer Debüt-Album „Strap It On” wurde nur ein Jahr nach der Gründung der Band veröffentlicht. Soweit ich weiß, gab es vorher kein Demo. War das von Anfang an so geplant? Oder hattet ihr vielleicht auch ein bisschen Glück?

Page: Doch, es gab ein Demo über Amphetamine Reptile Records, die auch unser Debüt veröffentlicht hatten. Da waren vier Songs drauf. Die ersten beiden davon waren auch auf unserer ersten 7”: „Born Annoying” und „Rumble”. Das komplette Demo wurde später aber auch nochmal auf der Compilation „Born Annoying“ wiederveröffentlicht.

Daniel: Mit „In The Meantime” (1992) und „Betty” (1994) wart ihr richtig groß in der Szene. Weißt du etwas über die Verkaufszahlen von damals? Und kannst du überhaupt von euren Plattenverkäufen leben?

Page: Eine Menge, aber die genauen Zahlen kenne ich nicht. Und nein, von den Plattenverkäufen können wir nicht leben.

Daniel: Zwischen den beiden genannten Alben gab es eine Zusammenarbeit mit den Rappern Haouse Of Pain auf dem „Judgement Night”-Soundtrack. Der Song hieß „Just Another Victim”. Wie kam es dazu? Und warst du mit dem Ergebnis zufrieden? Oder war das nur ein einmaliges Experiment für dich als Musiker?

Page: Ja, es war mal eine völlig andere Herangehensweise. Ich weiß gar nicht genau, wer auf die Idee kam, Rap und Rockmusik miteinander zu verbinden. Wir kannten House Of Pain damals schon. Sie waren Freunde von uns. Erik spielte ja auch noch bei Everlast. Wir konnten uns also schon vorstellen, dass es Spaß machen würde. Als wir in New York an Songs arbeiteten, hatte ich da ein Riff für einen Helmet-Song, mit dem ich nicht weiter kam, und Danny rappte einfach darüber. Wir fanden es cool, legten noch ein paar Samples drüber und das Endresultat war großartig. Das hat richtig Bock gemacht!

helmetDaniel: 1998 kam es nach vier Studio-Alben zur Auflösung von Helmet und zur Trennung der Orignalbesetzung.
Warum? Was war da los?

Page: Das kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Wir haben uns einfach auseinander gelebt. Henry wollte etwas anderes machen. Und als er weg war, waren nur noch John und ich übrig. John entschloss sich dann auch zu gehen. Und das war´s dann. Ich weiß die genauen Gründen aber echt nicht mehr.

Daniel: Was hast du den zwischen 1998 und 2014 in der Helmet-freien Zeit gemacht? Warst du überhaupt noch in der Szene aktiv?

Page: Ich war 1999 Gitarrist bei David Bowie auf seiner “Hours”-Tour. Das war echt der Hammer! Ich habe ein paar Filme mit Elliot Goldenthal gemacht und ein paar Alben produziert. Dann hatte ich noch eine Band namens Gandhi. Ihr Drummer spielt jetzt bei Maroon 5. Einer der beiden Gitarristen, John Andrews, lebt heute in Deutschland und spielt bei Nena, der andere, Anthony Truglio, spielt in der Metal-Band Liege Lord. Nur was der Bassist heute macht, weiß ich nicht.

Daniel: Warum waren den die Original-Mitglieder bei der Reunion nicht mehr dabei? Hatten sie kein Interesse mehr an Helmet? Und habt ihr überhaupt noch Kontakt?

Page: Keine Ahnung. Wir haben keinen Kontakt mehr.

Daniel: Zwischen den letzten beiden Helmet-Alben, „Seeing Eye Dog” (2010) und dem neuen Album „Dead To The World”, gab es eine sechsjährige Pause. Warum hat es dieses Mal so lange gedauert?

Page: Wir sind zunächst sehr lange auf Tour gewesen. Dann habe ich noch ein paar Filme gemacht und einige Alben produziert. Es habe an vielen verschiedenen Dingen gearbeitet.

Daniel: Du bist heute das einzige noch verbliebene Urmitglied der Band. Warum handelt es sich bei Helmet für dich heute immer noch um dieselbe Band?

Page: Es ist nicht mehr dieselbe Band! Seit wir uns 1998 getrennt hatten, läuft alles ganz anders. Heute wird bei uns viel offener kommuniziert. Wir wussten ja gar nicht, ob wir überhaupt Erfolg haben würden, als wir uns wieder zusammenrauften. Aber es gibt immer Gründe dafür, warum sich eine Band auflöst. Es ist rechtlich geklärt, dass ich unter dem Namen Helmet weitermachen darf. Denn es ist, genau wie früher, so, dass ich der Songwriter der Band bin. Im Laufe der Zeit verändern sich viele Dinge. Aber ich bin zufrieden, so wie es jetzt ist. Ich habe heute mehr Spaß als damals. Eines kann ich dir versichern: Ich liebe John und Henry! Sie haben all meinen Respekt! Es war nicht meine Entscheidung, dass sie gegangen sind! Aber es gibt auch kein böses Blut zwischen uns.  

Daniel: Heute wird euch nachgesagt, die Urväter des modernen Metal zu sein. Siehst du das auch so? Interessiert dich das überhaupt?

Page: Nein, das ist mir eigentlich egal. Aber ich weiß natürlich, wo wir stehen. Und ich weiß auch, dass viele jüngere Bands sich auf uns berufen, wenn sie nach ihren zu ihren Haupteinflüssen gefragt werden.

Daniel: Soweit ich weiß, hast du auch als Produzent für große Bands wie Evanescence, Bush oder Papa Roach gearbeitet. Wie kam es zu diesen Produktionen?

Page: Eigentlich habe ich nicht Bush produziert, sondern ein Solo-Album ihres Sängers Gavon Rossdale. Normalerweise kommen Bands direkt auf mich zu und fragen an, oder ihr Manager kennt mich und leitet den Kontakt in die Wege. Ich mag Studioarbeit sehr.

Daniel: Wenn du heute auf alle Helmet-Veröffentlichungen zurückblickst, gibt es  dann ein Album, welches du besonders gerne oder vielleicht auch überhaupt nicht mehr magst?

Page: Also, wenn ich so darüber nachdenke, dann würde ich schon die ersten vier Alben, „Strap It On“, „In The Meantime“, „Betty“ und „Aftertaste“, an erster Stelle nennen, weil sie auf ganz natürlichem Wege entstanden sind. Ich mag diese Alben immer noch sehr. Das Comeback-Album „Size Matters” war auch eine ganz tolle Erfahrung für mich, aber es lastete natürlich ein gewisser Druck auf uns, weil es das erste Helmet-Album nach über sieben Jahren war. Aber auch die letzten drei Alben haben richtig Spaß gemacht. Wir haben mit vielen Produzenten und Studioleuten zusammen gearbeitet, und ich mag  den Aufnahmeprozess, wenn sich die Songs entwickeln. Aber unterm Strich kann ich eigentlich nicht sagen, dass ich ein Album sehr viel lieber mag als ein anderes. Ich finde sie immer noch alle gut.

helmetDaniel: Dann erzähl uns doch noch schnell, was in naher Zukunft so bei dir ansteht!

Page: Wir haben erst kürzlich vier Coversongs aufgenommen, die in einer Box erscheinen sollen. Außerdem arbeite ich gerade an einem Projekt mit einem Typen aus Los Angeles, mit dem ich schön öfter zusammengearbeitet habe. Wir haben nur mit Gitarre und Percussion gearbeitet. Es ist ziemlich cool geworden und soll im März erscheinen. Mit Helmet werden wir im Juni nach Europa zurückkehren und weitere Konzerte spielen. Das ist zurzeit alles, was mit der Band ansteht.

Daniel: Na gut, Page! Danke, dass du dir die Zeit genommen hast! Das Schlusswort gehört dir!

Page: Oh, danke schön! Es hat mir sehr viel Spaß gemacht! Tschüss! Mach´s gut!

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Autor: Daniel Müller