ELLI BERLIN - Ich kann nicht damit umgehen, wenn ich sehe, dass da irgendjemand diskriminiert wird!


Nachdem es mir nie vergönnt war, mal einen Auftritt von Null Positiv zu sehen, freute es mich umso mehr, dass Elli Berlin mit ihrem Soloprojekt in meiner Heimatstadt gastierte. Nun wäre es ja das Sahnehäubchen, wenn ich die Lady auch interviewen dürfte. Und was soll ich euch sagen, eine Mail und ein Anruf und die Sache lief. Selten habe ich eine so unkomplizierte Truppe kennen gelernt! Da habe ich schon ganz andere Sachen erlebt. In der Halle angekommen, lief mir Elli dann auch direkt über den Weg, obwohl ich deutlich zu früh dort war. Aber das war für Sie überhaupt kein Problem. Sie nahm mich direkt mit in den Backstage und ich war augenblicklich geflasht von ihrer megasympathischen Art. Da war nichts aufgesetzt oder gekünstelt, einfach eine super natürliche und nette Persönlichkeit. Ein Mensch, den man einfach nur lieben kann! Alles super entspannt, locker und easy. Ich war schockverliebt, natürlich nur auf Fan Level. Elli suchte einen passenden Raum für unser Gespräch und packte direkt ein paar Bier für die durstigen Kehlen mit ein. Denn beim Reden trocknen die ja bekanntlich gerne aus. So hatten wir eine interessante und angeregte Unterhaltung, die ich so schnell wohl nicht vergessen werde. Da Elli frisch von der Leber weg plauderte, ohne einstudierte Phrasen oder auswendig gelernte Antworten, habe ich das Meiste auch im O-Ton belassen. Aber lest selber.

 


elli logo

Pistol: Hallo Elli, schön das das mit uns geklappt hat heute. Ich gehe mal davon aus, dass vielleicht nicht alle unsere Leser dich kennen und du kannst mir mal so kurz deinen Werdegang erzählen, so im Zeitraffer.

Elli: Also ich habe schon immer gern gesungen, meine Mutter sagte, als ich ein Kind war, es gab nie Momente, wo ich nicht gesungen habe. Also das lag schon immer irgendwie in meinem Blut und dann, mit sechszehn, klar, erste Rockband, danach irgendwann über Partyband-Erfahrungen habe ich meine musikalische Lehre gemacht. Ich musste dort alles singen, musste mit jeder Situation, umgehen lernen und habe dann aber gesagt, ich will keine Jukebox sein. Ich möchte gerne meine eigenen Texte machen. Ich habe auch schon immer Texte geschrieben und wollte das dann wirklich mit der Musik, die ich selbst auch gelebt habe. Ich habe damals gern Korn und Papa Roach gehört und sowas. Ich war auch auf Festivals unterwegs, mein Lieblingsfestival war damals Rock im Park. Jedes Jahr musste das sein und ja, da wollte ich dann gern auch stattfinden. Irgendwann sagte ichmal zu meiner Freundin, mit der ich dort diese Jahre verbracht hatte: Da will ich mal spielen. DieAntwort war: „Elli, du bist doch bescheuert!“ Aber ich bin dran geblieben! Jetzt haben wir schon Wacken, das Rock Harz und das Mera Luna bespielen dürfen. Ich bin gespannt, ob irgendwann mal Rock im Park und Rock am Ring auch dabei sind. Dieser Traum hat sich halt verfestigt. Ich habe mir dann einen österreichischen Produzenten genommen und habe erstmal alle CDs, die ich mochte hingebracht und gesagt, das muss es musikalisch werden. Und meine Stimme, meine Person, meine Texte das war sozusagen der Startschuss. Ich wollte auch nicht dieses typische Bandgefüge, in dem man dem Kumpel X, weil der schon immer dabei war und seinen Bruder, und der Schwager, ja klar der macht Bass.Nein, ich wollte Menschen, die die Musik, die ich liebe, dann auch machen. Ich wollte niemanden der das nur mal so abläuft, sondern alle sollten mit Herzblut dahinterstehen und als die ersten Demos da waren, konnte ich damit dann meine Band zusammenstellen. Deswegen habe ich einen Schlagzeuger aus Österreich, was jetzt auch nicht gleich um die Ecke ist, aber er ist perfekt für mich und begleitet mich jetzt schon seit über zehn Jahren. Zusätzlich zu früher habe ich jetzt noch Mädels die singen, weil ich ein Sänger bin und Stimmen liebe. Viele Bands lassen so etwas ausschließlich vom Band kommen. Ich liebe es live. Und so habe ich jetzt fünfstimmigen Satzgesang auf der Bühne. Aber wenn ihr Zeit und Lust habt das Konzert komplett zu sehen, dann werdet ihr davon...

Pistol: Ich bleibe grundsätzlich bis zum Ende.

Elli: Das ist hervorragend, weil dann freue ich mich, euch heute zu sehen.

Pistol: Gut, du hast irgendwie gesagt, du hast als junges Mädel deine Stimme entdeckt, so mit dreizehn Jahren irgendwann?

Elli: Na ja, mit dreizehn wurde mir gesagt, dass das wohl außergewöhnlich ist.

Pistol: Dann stell dir mal vor, du sitzt im Tourbus, heute, und dann kommt die dreizehnjährige Elli und hört deine Growls. Was würdest du dir sagen?

Elli: Ich würde sagen, das kannst du auch. Du musst es nur wollen und machen!

Pistol: Ich merke gerade, dass die Fragen ein wenig durcheinandergeraten sind, aber ich denke mal, das ist nicht so schlimm.

Elli: Nee ist nicht schlimm, mach einfach haha.

Pistol: Auf deinem aktuellen Album, das ja gerade rausgekommen ist, da gibt es diesen Song „Bang Bang“ Als ich den zum ersten Mal gehört habe, am Anfang, und auch den Refrain, dachte ich, hm, feiner Schlagersong.

Elli: Ja, genau.

Pistol: Also, bestimmt ein Chart Buster. Aber wie kommt das wohl? Das könnte jetzt auch durchaus irgendeine Schlagersängerin singen und das wird wahrscheinlich gar nicht auffallen. Das ist erst nachher, wenn deine Stimme so richtig reingeht, dann wird der richtig geil. Aber am Anfang dachte ich so, huch was macht sie denn jetzt?

elli indexElli: Genau das wollte ich. Ich mag Überraschungen, denn schöne Songs gibt es Tausende auf der Welt. Einfach ein schönes Lied schreiben, das habe ich auch schon ein paar Mal gemacht, aber es ist halt nur ein schönes Lied. Wenn du aber überraschen kannst, in dem etwas ganz unerwartet beginnt und dann so eine Wendung nimmt, das finde ich geil. Das habe ich schon oft gesehen wie bei Rammstein, als die dieses dicke Titten Ding gemacht haben. Kann man mögen oder nicht, aber dieses Ufftata, Ufftata und auf einmal geht es in den Rammstein Sound, das fand ich geil. Bang Bang ist einfach mal so eine Partynummer nach vorne. Man schreibt als Künstler immer, wenn es einem schlecht geht, da fließen die Texte förmlich. Aber wenn es dir gut geht, schreibst du nie. Ich wollte aber mal was, was einfach nur mal befreiend für Freundschaft und für Zusammenhalt ist. Man liegt sich in den Armen und sagt, ach, weißt du noch damals, das sollte es machen und das hates jetzt für mich auch getroffen.

Pistol: Und woher nimmst du die Inspiration für deine Texte?

Elli: Aus dem Leben. Eigentlich ist man als Künstler ständig am Beobachten und Inspirationen sammeln.

Pistol: Und gibt es ein, sag ich mal, persönliches Erlebnis, was du in einem Interview nicht erzählen würdest, wo du aber durchaus einen Song drüber machen würdest?

Elli: Eigentlich nicht. Alles was mich wirklich bewegt, werden Songs. Also es gibt nichts. Mit Songs verarbeite ich die Sachen ja.

Pistol: Ja, aber was du jetzt nicht so direkt erzählen würdest jetzt, ne? Gibt ja so Sachen, die...

Elli: Mach ich nicht, ich bin ein sehr offener Mensch!

Pistol: Ja, das merke ich schon und ich mag das sehr.

Elli: Ich habe da wirklich nichts, was ich nicht... Ganz im Gegenteil. Wenn ich merke, dass es gerade ein extremeres oder ein tieferes Thema ist, dann ist es mir gerade am Herzen, dass ich das besinge, damit ich auch anderen Menschen, die das Thema vielleicht gerade erleben, helfen kann und ihnen vielleicht ein Sprachrohr sein kann, wo man manchmal nicht die richtigen Worte findet.

Pistol: Gut, du kommst aus Lübbenau?

Elli: Nicht ganz. Ja, aber Spreewald ist schon richtig.

Pistol: Genau, man nennt das ja das Tor zum Spreewald. Stell dir mal vor, das wäre so ein Zeitportal. Welche Band müsste da rauskommen, mit der du jammen würdest?

Elli: Du meinst Leute, die es heute nicht mehr gibt?

Pistol: Ja zum Beispiel.

Elli: Ach, Tamara Danz (Sängerin von Silly, 1996 verstorben) hätte ich ja gerne mal kennengelernt.

Pistol: Die habe ich noch live gesehen. Bei uns im Ort. Mit ihr war ich nach der Show noch Pizza essen.

Elli: Was natürlich auch echt spannend, wäre (hat mit meiner Musik zwar gar nichts zu tun.) aber wenn wir den Elvis mal zu uns ranholen könnten, der wäre bestimmt auch super spannend.

Pistol: Ja, ist egal, muss nicht zu deiner Musik gehören.

Elli: Das hat damit nichts zu tun, ich finde, so ein paar Charaktere, die einfach in der Welt viel gerissen haben. Tina Turner, eine wundervolle Frau. Also, das sind große Größen, die sicherlich viel zu erzählen hätten.

Pistol: Und mit denen würdest du dann zusammenspielen?

Elli: Ja, logisch. Also, wenn Tina Turner mich gefragt hätte, hätte ich bestimmt nicht gesagt, na, mal überlegen, ich glaube, da hätte ich ihr vor den Füßen gelegen. Nein, bei manchen hat man wirklich Hochachtung vor dem, was sie geleistet haben.

Pistol: Definitiv! Ja. Die Solo-Sachen von dir finde ich, die sind ja deutlich bodenständiger und rockiger als die Null-Positiv-Sachen, die ich natürlich auch zu Hause habe. Null-Positiv war, wie ich sie zum ersten Mal gehört habe, schon toll. Es hat es mich an, ich weiß nicht, ob du die Band kennst, an die Allergie aus Süddeutschland erinnert.

Elli: Also, wenn wir uns hier trennen, werde ich sicherlich mal rein hören.

Pistol: Aber mal eine ähnliche Frage wie eben, die Null-Positiv-Elli mit der jetzigen Elli Berlin, treffen sich auf der Bühne. Gibt es da irgendeinen Stress, oder?

Elli: Nein, das ist ja alles ich. Also, ganz im Gegenteil, eigentlich bin ich jetzt die Elli 2.0, weil mit Null-Positiv war ich immer in der Arbeit mit anderen, um diese Songs zu erfinden. Bei der Elli-Berlin-Sache habe ich das mehr oder weniger als Arbeit, als Auftrag, an jemanden gegeben und so entsprechen sie eigentlich noch mehr mir. Also, ich merke, dass ich immer mehr zu mir komme, zu meiner Musik, das ist ja eine Entwicklung. Ja, klar. Obwohl ich manchmal auch wieder die Kante von Null-Positiv mag. Aber das wirst du ja heute Abend hören.

Pistol: Ja, ist doch cool. Ist doch schön. Aber das ist halt doch wieder ein bisschen eine andere Richtung?

Elli: Ja. Elli Berlin ist Rock-Metal und das andere war eher ein Alternative-Modern-Metal.

Pistol: Und dann habe ich gelesen, du bist also Mutter. Ja da ist der Song Mutterherz. Und du bist tatsächlich Mutter?

Elli: Aber natürlich!

Pistol: Dann gibt es dieses Video „Mutterherz“ mit Stumpen von Knorkator zusammen. Ich habe es gesehen, vielleicht habe ich es auch nicht verstanden, aber erst mal finde ich es unheimlich emotional, aber so unterschwellig empfinde ich, wenn ich es gucke, so irgendwo dieser Drang, dieses Kind zu beherrschen. So erscheint mir das. Also ich weiß nicht, was war deine Absicht dabei?

elli 2Elli: Das kann ich dir ganz genau sagen. Ich war ja schwanger und habe irgendwie, so wie ja große Lebensmomente besungen werden müssen, darüber einen Song geschrieben. Und dann stand da dieser Song Mutterherz und ich dachte, irgendwie fehlt dem eine zweite Ebene. Und ich wollte es nicht einfach nur dabei belassen, dass ich jetzt Mutter werde, sondern habe überlegt, wie könnte man da eine zweite Dramaturgie einbringen. Und dann dachte ich, wie es wäre, wenn man keine Mutter werden kann, sich dafür aber einen Mann im Keller festbindet. Und das fand ich irgendwie spannend. Ich habe dann einfach einen Film für mich draus gemacht und habe gedacht, wer könnte denn das perfekte Baby für mich sein? Ich musste natürlich an meinen Kumpel Stumpen denken, weil der ist klein genug, dass er auf meinen Schoß passt, der hat auch noch eine Glatze. Na wunderbar. Na und vor allem, er ist verrückt genug, diese Rolle auch einfach zu machen. Das kann ich ja nicht jedem aufdrücken. Das Gespräch war dann sehr kurz. Du sag mal, hast du nicht Lust? Ich habe da eine Idee. Und er meinte, er hat diese Rolle schon mal hervorragend gespielt. Also schon war er dabei und hat das mit mir gemacht. Und deswegen gibt es das jetzt in der Form auch auf YouTube zu sehen.

Pistol: Ja, ja, aber ich habe das so empfunden, dass irgendwo so, als ob der Wunsch da ist, so ich beherrsche, ich bin der Chef hier, ich sage, was geht und bestimme deinen Werdegang, weißt du, so unterschwellig, das muss ja gar nicht so gemeint sein von dir.

Elli: Ja, wie schon gesagt, bei mir war es eher, dass ich dann diesen Spielfilm darin noch gesucht habe, um eine zweite Ebene zu bilden. Aber es ist ja schön, dass jeder seine eigene Geschichte darin finden kann. Das lässt doch Stimulationsspielraum. Das ist doch super, das macht es doch spannend. Also ich finde auch deine Idee sehr spannend. Bis man nachher den Mann im Keller hat. Bis dann nachher der Mann im Keller angekettet ist. Das ist natürlich alles Spaß.

Pistol: Gut, einige Leute sehen dich ja so als deutsche Metal-Queen, wobei man über dieses Prädikat streiten kann. Aber welches private Hobby oder welche Eigenart hast du, was dir kein Mensch zutrauen würde? Oder ist alles nur Metal?

Elli: Nein, nein, nein. Na vielleicht, dass man alles selber macht. Zum Beispiel unsere Kostüme heute, meine ganze Band habe ich ausgestattet, das habe ich alles gemalt, besprüht, geschnippelt, genäht und sowas. Ich weiß nicht, wenn man jetzt nicht wüsste, dass man jetzt nicht nur Sängerin ist. Ich mache halt unser Artwork, ich mache halt einfach ringsherum alles. Oder dass ich auch die Musikvideos schneide und solche Sachen.

Pistol: Ach, machst du sie selber?

Elli: Auch, ja. Wir merkten irgendwann, wir brauchen mehr Output für weniger Geld. Und weil wir ja sehr industriefern gestartet sind, haben wir uns viel selbst erarbeitet. Damals hieß es: Wir brauchen das, okay, aber wer macht das? Mein Micha, mit dem wir das Ding gestartet haben, hat gesagt, okay, ich mache das technisch, ich mache die Kamera. Na gut, dachte ich dann, dann mache ich den Schnitt, das ist kreativ. Wir haben uns da schon reingefuchst. Und so sind wir gewachsen und können irgendwie jetzt wirklich in jeder Ebene alles selbst produzieren und erschaffen. Das ist irgendwie cool, aber auch sehr umfangreich. Jetzt gerade als Mutter merke ich, das meiste, was mir fehlt, ist Zeit. Leider. Ich glaube, das geht den meisten Menschen so.

Pistol: Und dass der Tag irgendwie immer zu kurz ist.

Elli: Absolut. Ja, da gebe ich dir recht.

Pistol: Na ja, was willst du machen? Das ist halt so. Jetzt stell dir mal vor, in zwanzig Jahren kommt so eine Nachwuchssängerin zu dir und sagt, Elli, wie werde ich denn ein Star? Wie mache ich denn das? Was empfiehlst du ihr?

Elli: Also ganz wichtig ist immer Authentizität. Man kann abkürzen. Man könnte jetzt irgendein Casting machen und dann stellen sie dir eine Band zusammen und ziehen dir vielleicht so ein rosa Tütü an. Und was dann? Und dann musst du mit dieser Rolle leben. Kannst du aber mit dieser Rolle, die du dir jetzt gegeben hast, dein Leben lang umgehen? Oder gehst du lieber den längeren Weg, entwickelst dich zu dir selbst und machst dann das, was du wirklich vertreten kannst? Also ich würde immer sagen, sieh, dass du du selbst bleibst und dass du dir selbst treu bist.

Pistol: It’s a long way to the top if you wanna Rock ’n’ Roll!

elli 3Elli: Ja, ja. Wir haben auch gesagt, wir gehen jetzt keine Abkürzung, wir gehen den langen Weg, erspielen uns unsere Fans über die Jahre. Aber ich merke auch, gerade in Interviews zum Beispiel, am Anfang, das war alles noch hölzern, man war selber noch gar nicht da, wo man jetzt ist. Jetzt weiß man, was man will, man weiß, wofür man steht oder wofür man eben nicht steht. Und irgendwie, jetzt kann man eigentlich erst sagen, jetzt ist man in diese großen Schuhe hineingewachsen. Jetzt kann mich dann so schnell nichts mehr umstoßen. Damals war man eigentlich noch gar nicht dieser großen Rolle Herr.

Pistol: Ja, ich denke man wächst da rein. Auch mit den Interviews ist das so eine Sache, ich versuche immer ein bisschen so Fragen zu stellen, die halt nicht jeder stellt.

Elli: Das merke ich und das gefällt mir, das finde ich spannend.

Pistol: Nee, ich finde das immer total blöd, da kommt eine Band XY, die bringt eine neue Platte raus und dann liest du zehn Interviews und überall liest du dasselbe. Die gleichen Fragen, die gleichen Infos, was meinst du mit dem Song, warum hat der den Titel? Und denke ich, ja, das hast du jetzt zehnmal gelesen.

Elli: Also deine Fragen, da waren ein paar Sachen, die ich noch nie beantworten musste. Deswegen ist das schön, du hast neue Sachen gerade hier ins Leben geholt.

Pistol: Dann schiebe ich jetzt einfach eine dazwischen, die steht da nicht drin. Welche Frage ist dir noch nie in einem Interview gestellt worden, die du aber unheimlich gerne beantworten würdest?

Elli: Oh, das ist aber schwer. Nee, da weiß ich nichts. Keine Ahnung. Leere! Weiß ich nicht. Kann ich dir jetzt nicht beantworten. Aber frag ruhig! Ich hatte schon Interviews, wo ich gemerkt habe, mein Gegenüber weiß noch nicht mal, wie ich heiße

Pistol: Ja, jetzt mal eine Frage, weiß ich nicht, ob du die beantworten möchtest oder ob du willst, dass ich das schreibe. Wir sind ja im Jahr 2026. Frauen haben immer noch ein Problem in der Szene und werden oft benachteiligt oder auf ihr Aussehen reduziert sage ich mal. Und jetzt gibt es einen neuen Trend, was ich mit Erschrecken feststelle, dass unheimlich viele Musikerinnen diesen fragwürdigen Only-Fans-Kanal aufmachen. Wo du Content postest, und die Leute dafür bezahlen müssen und da ist ein ganzer Teil mal dabei, die machen da richtig Hardcore-Sachen, also Porno um es mal ganz platt zu sagen? Und da denke ich, Hallo? Du willst doch als seriöse Musikerin wahrgenommen werden. Ich weiß nicht. Wie stehst du dazu?

Elli: Also, zu Only-Fans kann ich nur sagen, da habe ich leider gerade ein Fake-Profil. Es gibt irgendjemanden, der sich als ich ausgibt und dort jetzt gerade irgendwie Geld macht. Finde ich erschreckend, finde ich schlimm, aber diese Fake-Profile sind wirklich eine Schande. Ja, das ist eine Frage. Die Leute warnen! Jeden Tag lösche ich bei Instagram über 10 Fake-Profile. Das ist auch bei Facebook so. Jetzt gibt es sie sogar bei Only-Fans, bei TikTok, überall. Und die Leute werden da abgezogen. Das ist eine Frechheit. Und das mit meinem Namen, mit meinem Gesicht. Ich will gar nicht wissen, was dieses Only-Fans macht. Also, nein, Only-Fans möchte ich auf keinen Fall machen. Ich habe aber einen Patreon-Kanal wo ich meine Fans mehr mitnehme. Dort gibt es viele Infos von mir über Songideen und Pläne, die dann erst viel später an die Öffentlichkeit gelangen. Ich möchte gern eine Wertigkeit behalten und mich da nie in eine Schmuddelecke begeben. Ich finde es schön, wenn Leute an meinen Texten interessiert sind und an meinen Gedanken. Manchmal finden sie in mir Jemanden der ihnen aus der Seele spricht. Und das ist mir wichtig. Und das habe ich bei Patreon. Also,Only-Fans nein. Patreon dafür ja. Wie schon gesagt, wenn du von mir einen Porno bei Only-Fans gesehen hast, dann war das nicht ich. Das ist definitiv Fake. Und, wie schon gesagt, was diese Benachteiligung angeht, die habe ich in meiner ganzen Karriere nicht erlebt. Das ist mir nicht ein einziges Mal passiert.

Pistol: Also, ich kenne viele, viele Musikerinnen und ich habe es schon sehr oft gehört. Also auch von gestandenen Ladies, die ja schon seit Jahrzehnten unterwegs sind.

Elli: Vielleicht liegt es daran, dass ich eine große Frau bin, und wenn ich performe, dann mit viel Energie. Wenn ich growle, das klingt dann schon sehr männlich manchmal. Vielleicht durch die Kraft meiner Stimme sehen die Menschen in mir auch jemanden, der Eier hat. Aber ich bin trotzdem eine Frau. Ich glaube, wenn du der Rolle gerecht wirst und deine Macht dort richtig präsentierst, dann wird da auch niemand daran zweifeln. Also, zumindest habe ich das noch nicht erlebt. Ich wurde eher höflich behandelt, eher sind die Männer sehr zuvorkommend.

Pistol: Das mache ich auch mittlerweile, denn ich habe etliche Leute, also Musikerinnen, mit denen ich schon seit Jahren engeren Kontakt habe. Und ich war letztens bei einer Band, die du sicher auch kennst. Und die Sängerin war da und ich stand dann an der Seite und ich kriegte mit, wie sie immer mehr auf Distanz ging. Weil die Leute sie auch direkt antatschten. Und sie schob die dann weg. Und dann habe ich dann gewartet bis es leerer war und sie darauf angesprochen. Worauf sie meinte, dass es halt immer mehr Fans gibt die Grenzen überschreiten, was absolut nicht korrekt ist.

Elli: Also dadurch, dass ich sehr groß bin, gehen die Leute mit mehr Achtung auf mich zu. Wenn jetzt ein kleines Püppchen, wenn ich jetzt vielleicht so sehr zart wäre, würde man schneller mal den Arm so, oh, komm mal her. Aber das Problem habe ich gar nicht.

Pistol: Nein, man kann zumindest fragen, ja. Da hat mit der Größe ja gar nichts zu tun. Das ist einfach Respekt.

Elli: Ja, ja. Also wie schon gesagt, das habe ich noch nicht erlebt. Meine Fans sind überhaupt sehr empathisch und sehr vorsichtig von der Art her. Also ja, ganz im Gegenteil, ich habe es echt gut, und das ist auch gut.

Pistol: Ja, wenn wir schon mal dabei sind, was macht dich glücklich. Und wo kriegst du so eine richtige Krawatte?

elli + pistolElli: Also was mich glücklich macht, sind Abende, wenn so ein Konzert ausverkauft ist, wenn alle meine Songs mitsingen, wenn ich diese Freude in den Gesichtern sehe, wenn man wirklich merkt, dass man da so ein Miteinander feiert. Das macht mich unheimlich glücklich. Privat natürlich mein Kind und meine Familie, logisch. Und was mich wütend macht, ist Ungerechtigkeit. Ich kann nicht damit umgehen, wenn ich sehe, dass da irgendjemand diskriminiert wird. Oder dass, wie ich es ja gerade selber erlebe, Sachen über mich verbreitet werden, die schlicht nicht wahr sind. Aber ich denke, dass die Wahrheit sich durchsetzen wird und deswegen gehe ich da positiv ran und lasse keinen Hass und Wut aufkommen. Ganz im Gegenteil.

Pistol: Gut. Die ganze Welt ist zurzeit etwas in einer Schräglage. Regiert von etlichen Despoten. Und das Raumschiff Erde steuert irgendwo hin. Ich weiß nicht, die haben irgendwo den Kurs verloren. Wie kommst du damit klar?

Elli: Ich finde es traurig. Und am traurigsten finde ich, dass wir manchmal aufhören, gerade in dem Umfeld, in dem wir selbst die Macht haben, dagegen zu steuern. Ich werde immer nach meinen Werten handeln und werde sehen, dass ich meinen Frieden in meiner Welt, in dem Umfeld, wo ich die Möglichkeit habe, erhalte. Es gibt Dinge auf der Welt, die ich nicht verändern kann. Aber inmeinem Umfeld, in meinem Dasein, kann ich für die richtigen Werte einstehen und kann sie da auch beeinflussen. Im Kleinen. Wenn das aber jeder machen würde, was denkt ihr, wie gut das wird? Also, wie schon gesagt, ich kann für meine eigenen Taten stehen und die werden immer sehr humanistisch und liebevoll sein.

Pistol: Naja, es gibt halt Leute, die einfach resignieren dann. Das ist einfach...

Elli: Bringt ja nichts. Denn, wir haben nur dieses eine Leben, das ist scheiße kurz. Auch ich musste schon Krankheiten und alle möglichen Tiefschläge überstehen. Ich weiß wie es ist, jetzt eine Verlängerung im Leben bekommen zu haben und ich nehme es als ein Geschenk. Jeder Tag ist es wert, auch das Bestmögliche da rauszuholen. Und deswegen lasse ich mich da gar nicht erst so negativ belasten. Und das liegt eh nicht in meiner Macht. Aber ich weiß, ich habe es in der Macht jeden Tag so zu verbringen, wie ich das gern möchte. Mit guten Menschen, wo man einfach eine gute Zeit hat, wo man Freude schenken kann, wo man Freude kriegt. Und so ist doch Stück für Stück jeder Tag, den wir neu dazu sammeln können, ein Geschenk oder etwas auf der Haben-Seite.

Pistol: Ja, auf jeden Fall. So muss man es machen. Wir haben das hier erlebt, wir hatten 2021 eine große Flut hier im Ahrtal und etliche Leute, die haben sich umgebracht nachher. Weil sie keinen Ausweg mehr gesehen haben und alles verloren haben, restlos.

Elli: Ja, aber ich habe festgestellt, immer wenn ich irgendwo am Boden war, wenn irgendwas ganz schlimm war, dann ging irgendwo eine Tür wieder auf. Also auch wenn du es gerade für nicht möglich gehalten hast. Dieses Vertrauen zu haben, dieses: Na mal sehen, was jetzt dafür kommt. Wenn du jetzt da unten bist und weiter geht es nicht mehr, dann muss jetzt irgendwas Geiles kommen und dann kann man eigentlich schon sehr gespannt sein, was kommt.

Pistol: Okay dann danke ich dir recht herzlich für deine Zeit. Hast du noch ein Schlusswort für unsere Leser?

Elli: Haltet zusammen, Streitet, wenn es sein muss. Aber streitet sachlich und findet die Gemeinsamkeiten. Dann findet ihr ein „Wir“. Denn das erhält unseren Frieden. In dem Sinne.

Und Prost. Da war das Schlusswort. Prost!



Autor: Pistol Schmidt