AXXIS - Wenn wir eine Mainstream-Band wären, würden wir im Radio gespielt werden!


Axxis kenne ich seit ich Hard Rock und Metal höre, nämlich seit mittlerweile über 30 Jahren. Dass sie in ihrer Heimat noch eine große Nummer sind, beweist die Tatsache, dass das Heimspiel im Lükaz zu Lünen mal wieder restlos ausverkauft ist. Durch den Gewinn eines Contests wenige Wochen zuvor hat es sich ergeben, dass ich mit meiner Band Somewhere In Nowhere dieses Mal sogar eröffnen durfte. So ergab sich Backstage ein munterer, lockerer Plausch, um bei gutem Catering und ein paar Kaltgetränken die komplette Bandgeschichte von Axxis noch einmal Revue passieren zu lassen.

logoDaniel: Hi Bernie! Lass uns doch erst einmal Eure Herkunftsfrage aufklären: Ihr spielt Eure Heimspiel-Konzerte immer in Lünen, Du wohnst aber in Unna. Eure Fan Club-Adresse in den Neunzigern war erst in Hamm und dann in Kamen. Ihr probt, glaube ich, in Bergkamen. Bei Metal Archives steht, Ihr kommt aus Dortmund. Was stimmt denn nun?

Bernie: Alles stimmt! Also die Band hat schon immer in Lünen geprobt, mal in Lünen-Horstmar usw. Aber einige Mitglieder kamen damals aus Hamm, und dadurch haben wir auch viel in Hamm gespielt. Und Werner (Kleinhans, Bassist von 1988 bis 1993) hatte seine Axxis-GbR-Adresse damals in Hamm. Deswegen haben wir gesagt, wir sind eine Hammer Band. Wir haben zwar auch oft Lünen gesagt, aber Lünen kannte keiner. Und als wir damals bei der EMI den Plattenvertrag bekommen haben, haben alle gesagt, wir sollten eine große Stadt in der Nähe angeben, und das war dann halt Dortmund. Wir haben da auch schon ein paar Sachen gemacht. Es gab also auch schon eine Verbindung zu Dortmund. Aber eigentlich, wenn man ehrlich ist, haben wir unseren Proberaum schon immer in Lünen gehabt. Aber die GbR-Adresse hat sich immer geändert. Die war mal in Hamm, mal in Bremen sogar, aber auch mal in Köln. Aber der Ort, wo wir immer geprobt haben, war immer Lünen, und jetzt eben Bergkamen.

Daniel: Bei Metal Archives steht auch, dass die Band ganz am Anfang Anvil hieß. War das schon dieselbe Band?

Bernie: Ja.

Daniel: Hattet Ihr Euch danach wegen der Kanadier umbenannt? Früher konnte man ja noch keine Bandnamen googeln, so wie heute...

Bernie: Stimmt, es gab keine Hefte, kein Internet, nichts... Wir hatten die Band erst Anvil genannt. Die waren hier im Umkreis von Lünen auch relativ bekannt gewesen, weil die schon Geld und eine große, eigene PA hatten. Da war ich noch gar nicht dabei. Und da hatten die sich schon einen Namen gemacht, schon in Lünen-Süd im Jugendzentrum gespielt, Datteln Stadthalle, Waltrop, Hallen richtig gemietet. Die zogen Leute und haben schon gut Promo gemacht. Und irgendwann gab es mal ein Magazin, das hieß Disaster. Ich glaube, daraus ist später sogar der Metal Hammer entstanden. Das war noch auf Zeitungspapier gedruckt, so Fanzine-mäßig. Da haben wir den Namen Anvil gesehen, von einer kanadischen Band. Da haben wir gedacht, Scheiße, ist ja voll doof." Und wir waren ja gerade auf dem Sprung, dass wir den Namen ändern mussten. Es gab Festivals, und da haben wir den Namen Axis dann genommen, mit einem X erstmal nur.

Daniel: Und wie kam es dann zur Umbenennung von Axis zu Axxis?

Bernie: Das war rein rechtlich, denn wir mussten dann bei der Plattenfirma einen Vertrag unterschreiben. Die hatten natürlich Recherche-Möglichkeiten, die wir damals nicht hatten. Und es gab einen Axis Verlag. Es gab auch noch eine Axis Company irgendwo. Und dann haben die gesagt, „Wir nehmen einfach ;XX´ als Eigennamen. Dann kann uns keiner was." Und so konnten sie gut in die Band invesiteren, ohne in einen Rechtsstreit gehen zu müssen.

Daniel: Ihr habt Euer Axis-Demo im Hermes Studio Kamen aufgenommen. Dort sind nur zwei Metal-Alben produziert wirden: Another Victim" von Axe Victims und Metamorphose" von Sortilège. Da haben Die Flippers 35 Jahre lang ihre Alben aufgenommen. Warum hattet Ihr Euch ausgerechnet für dieses Studio entschieden?

Bernie: Erstmal haben wir uns gar nicht dafür entschieden. Wir hatten ja kaum Kohle. Wir konnten das also nicht selbst entscheiden, sondern der Hermes ist auf uns zugekommen. Es war so, dass wir damals in der Bastei gespielt haben. Das war eine Kneipe in Kamen, wo man spielen konnte. Da haben wir gespielt. Und da hat der Hermes uns gesehen. Er hatte uns da seine PA hingestellt, und er fand die Band damals ganz geil und hat uns gesagt, wir könnten da ja mal Aufnahmen machen. Und dann haben wir da mit Wolfgang Pentinghaus Aufnahmen gemacht, zum Beispiel das Demo Tears Of The Trees".

Daniel: Welche Bands hatten Euch in den Anfangstagen beeinflusst? Und haben sie diese Einflüsse in all den Jahren geändert? Immerhin kann man Euch ja schon nachsagen, dass Ihr nie zweimal das gleiche Album gemacht habt...

Bernie: Damals war ich von allen Bands beeinflusst im Metal-Bereich: Judas Priest, Iron Maiden, Kiss usw. Jeder in der Band hatte aber andere Einflüsse. Walter (Pietsch, Gitarrist von 1988 bis 1998) war ein Riesen Ted Nugent-Fan. Der Harry (Oellers, Keyboarder bis heute) kam ein bisschen aus der Krautrock-Ecke sogar. Der fand Jane und sowas voll cool.

Daniel: Die haben Anfang des Jahres sogar hier gegenüber im Hilpert-Theater gespielt!

Bernie: Ja, ich weiß. Mit Krautrock konnte ich persönlich jetzt aber nicht soviel anfangen. Harry fand auch Pink Floyd cool. Ich auch, aber nur so spezielle Sachen. Ich war auch der Jüngste hinterher in der Band und fand eher die moderneren Sachen gut.

Daniel: Das klingt jetzt vielleicht negativer als es gemeint ist, aber Ihr wart ja auch immer so ein bisschen zeitgemäß. Als Keyboards angesagt waren, hattet Ihr plötzlich einen Keyboarder. Als alle Bands amerikanisch klingen wollten, hattet Ihr The Big Thrill" veröffentlicht. 1997 habt Ihr, genauso wie Kiss mit „Carnival Of Souls" und Queensryche mit „Hear In The Now Frontier" im selben Jahr, versucht, mit Voodoo Vibes" ein Grunge-Album zu machen... Als Nightwish und Within Temptation in den Charts waren, hattet Ihr kurzzeitig eine Sängerin... War es Euch als Band wichtig, immer auch zeitgemäß zu klingen und Euch nicht ständig zu wiederholen?

Bernie: Das ist natürlich auch dadurch entstanden, dass wir damals als Classic Rock-Band gestartet sind und Keyboards dabei hatten. Keyboards waren damals verpöhnt. Dann kam The Final Countdown", und dann war es doch nicht mehr so schlimm. Genau, dann kam der Grunge auf, wo sich die ganzen Begriffe dann verschoben haben. Was war Grunge? Was war Metal? Was war überhaupt noch Rockmusik? Die ganze Szene hat ja die Orientierung verloren. Rob Halford ist bei Judas Priest ausgestiegen, Bruce Dickinson bei Iron Maiden. Das war alles diese Phase, wo der Grunge kam. Die Begriffe haben sich alle verschoben. Auf einmal war Nirvana Rockmusik. Es war schwierig, aus der Melodic Rock-Schiene heraus noch seinen eigenen Rahmen zu finden. Und wir haben dann natürlich auch versucht, diese Stile mit einzubinden.

Daniel: Übrigens finde ich bis heute, dass Voodoo Vibes" Eure schwächste Scheibe ist. War der Titel Back To The Kingdom" deshalb für das nächste Album ein Zeichen auf Eure Rückbesinnung zu Eurem alten Sound?

Bernie: Nein, das hatte mit der Voodoo Vibes" nichts zu tun gehabt. Voodoo Vibes" war im Prinzip diese Grunge-Phase. Das war der Kiss Of Death" von der EMI, die uns dann auch loswerden wollte. Und wir haben dann mit der Voodoo Vibes" genau das gemacht, was wir immer gemacht haben, nämlich dass wir immer neue Elemente genommen haben, die wir geil fanden. Denn Bands, die immer denselben Mist machen und damit sicherlich auch noch viel erfolgreicher sind als wir, die immer bei ihrem Streifen bleiben, finde ich grottenlangweilig. Ich fand das bei Voodoo Vibes" zum Beispiel geil, mit Drumloops zu arbeiten. Ich finde das als Tontechniker total faszinierend. Wir hatten das ja noch nie gemacht vorher. Also haben wir es mal probiert. Wir hatten dadurch ja auch ganz andere Möglichkeiten. Wir konnten unseren Drummer zusätzlich einsteigen lassen. Das war geil! Oder mit der Sängerin zu arbeiten; diese Battles zwischen Meat Loaf und der Frau hatte ich dabei immer vor Augen. Fand ich immer tierisch! Aber wir hatten dadurch einfach mehr Möglichkeiten. Wir konnten mit zwei Sängern arbeiten usw. Also diese Einflüsse haben nichts damit zu tun, dass wir auf irgendwelche Züge aufgesprungen sind oder so, sondern dass wir den Zeitgeist genommen haben und für uns Herausforderungen angenommen haben, dass man etwas ausprobieren konnte.

axxis Daniel: Die Power Metal-Phase fand ich sehr geil von Euch, muss ich sagen! Da wart Ihr ja auch recht hart!

Bernie: Ja, aber wenn Du manche Leute fragst, dann sagen die immer noch, wir sind eine Schlager-Band. Da kannst Du so hart spielen wie Du willst...

Daniel: Lag die härtere Ausrichtung denn damals auch an André Hilgers? Ich habe den ein paar Male mit Rage gesehen. Er ist ja schon ein ziemlich brutales Schwein am Schlagzeug und haut richtig drauf!

Bernie: Ja, das stimmt. Das ist er. Aber das hatte damit nichts zu tun, sondern eher damit, dass wir mit Lakonia (Sängerin auf Time Machine", 2004, und Paradise In Flames", 2006) zusammengearbeitet haben und mehr mit Gesang machen konnten. Wir konnten auch orchestraler arbeiten. Die Samples kamen ja auch noch ins Spiel. Wir hatten auch da wieder mehr Möglichkeiten. Die Produktionen wurden auch fetter mit allem drum und dran, aber auch Plastik-hafter, fanden wir. Die Spontanität war dann irgendwie weg. Wir waren, so ein bisschen, in einem Gefängnis dann drin. Von der Härte her, haben wir so Sachen Lady Moon" oder Blood Angel" gemacht. Wir hatten immer schon ein sehr weites Spektrum gehabt.

Daniel: 2012 kam Euer komisches Cover-Album raus: re-DISCOver(ed)"; übrigens das einzige Axxis-Album, das nicht in meiner Sammlung steht. Ihr habt da nämlich echt komische Sachen gespielt: von Boney M, Kraftwerk und sogar von Celine Dion!

Bernie: Ja, warum wohl?

Daniel: Genau das wollte ich Dich nämlich fragen! Sind das alles Bands, die Ihr privat auch mögt, fernab von Euren Rock- und Metal-Einflüssen?

Bernie: Nö!

Daniel: Oder war dieses Album ein reines Experiment für Euch als Musiker?

Bernie: Nein, es gab eine Erfahrung, die wir gemacht haben, nämlich dass wir in einem Bayrischen Örtchen gespielt haben, wo vor uns eine Coverband dran war und nach uns. Wir waren aber der Headliner. Und die hatten teilweise mehr Equipment als wir da stehen mit Feuershow und allem drum und dran. Und dann habe ich aus Spaß gesagt, „Hier ist die Axxis-Coverband auf der Bühne. Und wir haben es geschafft, den Original Axxis-Keyboarder Harry Oellers mitzubringen." Ich habe das nur als Geck gesagt. Und dann kamen wirklich nach der Show Leute zu uns und sagten, Alter, geile Performance! Aber wie habt Ihr es geschafft, den Original-Keyboarder von Axxis zu bekommen?" Und dann habe ich gesagt. Wisst Ihr was, Freunde? Wenn es echt scheißegal ist, was für Musik wir machen oder welche Band da gerade spielt, dann nehmen wir jetzt ein paar Coversongs auf, und zwar welche, die richtig wehtun!" Dann haben wir uns aber auch gesagt, die Coversongs sollen jetzt nicht Scheiße sein. Ich meine, My Heart Will Go On" von Celine Dion ist eine Weltproduktion. Dann haben wir uns überlegt in Bergkamen, wie kommen wir technisch an diese Produktionen ran? Das hatte einen Lerneffekt für uns auch. Das war ziemlich geil, denn wir haben es echt geschafft, Songs zum Beispiel von Kraftwerk, zu verrammsteinen" so ein bisschen, einen Song von Celine Dion als Power-Ballade oder Rock-Ballade darzustellen usw. Das war für uns eine total geile Erfahrung, mit solchen Songs mal zu arbeiten.

Daniel: 2014 erschien dann Kingdom Of The Night II". Das waren zwei Alben, die aber einzeln verkauft wurden. Warum habt Ihr nicht einfach eine Fan-freundliche, günstigere Doppel-CD davon gemacht?

Bernie: Doch, wir haben die ersten 666 Stück zusammen gehabt. Das war so eine Box, da war alles drin. Da war auch noch ein Anhänger drin und sowas, also ein bisschen mehr Aufwand. Als die weg waren, hatten wir aber nicht mehr die Kartons dafür. Die Verpackung war später teurer als die CD. Deswegen wurden die danach dann nur noch einzeln verkauft. Wir haben die aber auf unserer Homepage nachher aber auch noch doppelt angeboten. 

Daniel: Ich dachte ja erst, dass beide CDs dieselben Songs enthalten, dass nur das Cover eine andere Farbe hat, so wie das heute bei Vinyl mit den verschiedenen Farben häufig der Fall ist...

Bernie: Nee nee, das waren völlig verschiede Songs. Wir wollten bei dem weißen Album eher die Hard Rock-Schiene von früher fahren und mit dem schwarzen Album mehr die spätere Power Metal-Phase. Wir wollten repräsentativ für 25 Jahre Axxis stehen.

Daniel: Ihr hattet ja mit Fass Mich An" 2009 auf Utopia" und mit Lass Dich Gehen" auf eben Kingdom Of The Night II" auch zwei deutsche Songs geschrieben. Wie kam es dazu? Und waren das einmalige Experimente? Oder könntest Du Dir vorstellen, so etwas nochmal zu machen?

Bernie: Wir haben das öfter gemacht sogar. Bei einem Theater war ich Schauspieler in Memmingen. Und wir haben mit Walter Meyers, dem Intendanten, Virus Of A Modern Time" gemacht. Das war ein Prometheus Brain Project", wo wir Songs geschrieben haben, wo es um die Zukunft der Menschen ging. Das war ein Theaterstück; sehr komplex, das Ding. Und Walter Meyers sagte, Sing doch mal Deutsch". Und ich meinte, Das klingt dann wie Schlager oder wie Rammstein. Da kannst Du nichts machen." Und er meinte, nein, ich sollte mehr so veraltete Worte nehmen, zum Beispiel nicht Meine Liebe", sondern Mein immer und ewig sein" oder sowas. Dann hat das so einen lyrischen Touch gehabt. Das fand ich tierisch. Dann haben wir das Theaterstück gemacht, und die Leute fanden das richtig geil. Dadurch hat die deutsche Sprache für mich nicht mehr nur so einen Schlager-Touch gekriegt, sondern auch Kraft bekommen. Das hat er mir so ein bisschen nahegelegt, und dann haben wir das immer wieder mal ausprobiert, mit Fass Mich An", Lass Dich Gehen", Engel Aus Hass", und wir haben jetzt auch einen neuen Song geschrieben, der heißt Weltuntergang".

Daniel: Zu der Virus Of A Modern Time" EP komme ich auch noch, aber ich gehe nach Jahreszahlen chronologisch vor, um nichts zu vergessen. Ein Jahr vorher, 2019, kam nämlich noch die neu eingespielte Best Of-Doppel-CD The Best Of EMI-Years". Was war der Grund dafür? Wart Ihr mit den alten Produktionen unzufrieden? Oder wolltet Ihr den Leuten zeigen, wie die alten Klassiker mit der aktuellen Besetzung klingen?

Bernie: Eigentlich kannst Du ja die Technik von damals gar nicht mehr vergleichen mit dem, was wir heute hier haben. Heute kann jeder in einem Raum zu Hause gute Soundqualität abliefern. Das ist sagenhaft! Wir mussten uns damals um das Rauschen"! kümmern, dass das nicht zu hören war. Das war ein hochkomplexes Thema, in einem Musikstudio zu arbeiten. Und wir wollten die Songs updaten. Aber es hatte auch rechtliche Gründe, denn die Rechte liegen schon jahrelang bei der EMI. Die gibt es auch schon gar nicht mehr. Das nennt sich Künstlerschutzfrist". Die schützen die Songs vor uns selber. Und darauf haben wir keinen Bock. Wir haben dann gesagt, wir machen die Songs nochmal neu. Und deshalb wäre es auch besser, wenn die Leute diese Songs hören, anstatt der alten Dinger mit dem Rauschen"...

Daniel: Jetzt kommen wir zu der EP Virus Of A Modern Time", die es – soweit ich weiß – als einzige Aufnahme von Euch - nicht auf CD gibt. Warum iat das so?

Bernie: Ja, wir wollten die ja eigentlich gar nicht rausbringen. Es war ja nur als Theaterstück gedacht. Wir hatten gar keine Aufnahmen dafür großartig. Wir hatten nur die Playbacks für das Theaterstück. Wir konnten ja mit der Band nicht auftreten. Ich war ja alleine. Das wäre zu aufwendig geworden, da Soundcheck zu machen usw. Also war ich alleine auf der Bühne mit dem Playback. Das waren acht Songs. Und dann ist ja Folgendes passiert: Alles, was wir da 2006 gesponnen haben, ist wahr geworden! Boats Of Hope": die Flüchtlingsströme mit Booten, der Junge, der da am Sandstrand liegt. Und Virus Of A Modern Time": Auf einmal kam der wirklich; genauso, wie wir es vorhergesagt haben! Wir hatten ja eh Corona und konnten zwei Jahre nichts machen, und dann haben wir gesagt, das hauen wir jetzt auf den Markt. Wir konnten ja keine Platte machen. Keiner ging in den Plattenladen. Es hätte ja keiner kaufen können großartig. Also haben wir gesagt, wir machen das jetzt nur digital, und die Leute hören endlich mal wieder etwas von Axxis in dieser Phase.

Daniel: Wird es für Sammler wie immer, die immer noch alles auf CD haben müssen, vielleicht mal eine Compilation geben, mit allen Demos aus den Achtzigern und dieser EP?

Bernie: Zwei Songs von den Demos haben wir sogar schon mal rausgebracht, nämlich Hot Love" und Kill Or Die". Das waren Hermes-Aufnahmen. Aber wo war das drauf? Scheiße, das weiß ich jetzt gar nicht mehr. Da muss ich nochmal recherchieren. Wir haben das aber auch nochmal gemastert. Das weiß ich noch, weil das Tape nicht rund lief und leierte. Das mussten wir raus kriegen.

Daniel: Das letzte Album von Euch war Monster Hero" von 2018. Das ist schon fünf Jahre her. Sogar Best Of EMI-Years" von 2019 liegt jetzt auch schon vier Jahre zurück. Das ist die längste Wartezeit auf ein neues Axxis-Album, die es je gab! Warum dauert es dieses Mal so lange?

Bernie: Ja klar, durch Corona natürlich. Du durftest ja nichts machen. Der Staat hat uns ja glücklicherweise Geld gegeben, dass wir etwas machen konnten. Aber das durfte nichts Neues von Axxis sein. Das war auch der Grund, warum wir in der Zeit Solo-Alben gemaxht haben. Ich finde Solo-Alben total Scheiße! Ich hätte das sonst niemals gemacht! Aber die wollten, dass wir etwas ganz Anderes machen, unter der Voraussetzung, dass wir etwas anderes machen, bekommen wir auch Geld.

axxis Daniel: Ich habe in den letzten Booklets Eurer Alben gelesen, dass Harry und Du diejenigen seid, die alle Axxis-Songs schreiben. Ich weiß, dass King Diamond (Mercyful Fate) und Andi Deris (Helloween) auch Gitarre spiele können. Chris Boltendahl (Grave Digger) spielt auch Bass, obwohl man sie alle nur als Frontmänner ohne ein Instrument kennt. Ist das bei Dir auch so? Kannst Du Gitarre spielen?

Bernie: Ja klar, ich habe früher immer Gitarre gespielt, auch auf der Bühne. Ich spiele seit Jahren auch auf Platte immer mal Gitarre.

Daniel: Oder schreibt Harry auch Melodien auf dem Keyboard? Ich habe mal eine Band namens Sweeping Death interviewt, und die haben mir erzählt, sie schreiben ihre Twinleads immer auf dem Klavier!

Bernie: Nee, Harry kann auch Gitarre spielen. Wir schreiben unsere Melodien immer auf der Akustikgitarre. Wir beiden machen das immer rudimentär, denn die Songs müssen ja funktionieren. Ich finde immer, wenn ein Song bereits rudimentär auf einer Akustikgitarre oder am Klavier funktioniert, dann ist es ein guter Song!

Daniel: Harry und Du seid die einzigen Mitglieder, die immer bei Axxis waren. Hattet Ihr bei all den Besetzungswechseln und Stilwechseln auch mal darüber nachgedacht, einfach alles hinzuschmeißen?

Bernie: Ja, immer wieder. Wir hatten ja die Phase, wo Harry sein Kind verloren hatte. Das war nach der Voodoo Vibes". Damals war ja auch der Walter aus der Band ausgestiegen. Und die Plattenfirma hatte den Plattenvertag aufgelöst. Da kam natürlich die Frage auf, machen wir weiter oder nicht? Da waren wir hin- und hergerissen. Aber dann haben wir gedacht, das ist eigentlich eine geile Situation, denn wenn Du mit dem Rücken an der Wand stehst, hast Du nichts zu verlieren! Dann kann man super wieder anfangen, und Du kannst machen, was Du willst. Und das haben wir dann gemacht mit Back To The Kingdom". Deshalb haben wir das Album auch so genannt, weil es keinen Grunge und keine Experiemente mehr gab, sondern wieder klassischen Hard Rock, und es hieß natürlich auch, dass es sich für uns wieder um ein Comeback handelt dabei.

Daniel: Gesetzt dem Fall, Harry würde - aus welchen Gründen auch immer – eines Tages die Band verlassen: Würdest Du trotzdem unter dem Namen Axxis weitermachen? Wäre es für Dich immer noch dieselbe Band?

Bernie: Ja, mit Sicherheit. Glaube ich schon.

Daniel: Wenn Du heute auf Eure gesamte Diskografie zurückblickst, gibt es ein Album, auf das Du besonders stolz bist oder das Du vielleicht heute auch gar nicht mehr magst? Und wenn ja: warum?

Bernie: Rückblickend war jedes Album wichtig und dem Zeitgeist geschuldet. Mit jedem Album gaben wir was dazugelernt. Deshalb kann man kein Album als Lieblings-Album benennen. Klaro, Kingdom Of The Night" war unser Ticket ins Business. Von daher könnte man es natürlich hervorheben.

Daniel: Kommen wir mal zu heute: Ihr habt zum ersten Mal für Euren Support Slot einen Contest einberufen. Wie kam es zu dieser Idee?

Bernie: Wir hatten die Idee schon öfter, haben aber immer zu spät angefragt. Christian Ernsting hatte da immer schon eine Support-Band organisiert. Das überlassen wir immer dem Lükaz, wer da spielt: Wir hatten aber dieses Mal rechtzeitig Bescheid gegeben, dass wir uns etwas in dieser Richtung überlegen und Bands im Kreis Unna eine Chance geben. Das hat natürlich den Nachteil, dass, wenn die Presse da nicht mitspielt, in Unna keiner davon etwas mitkriegt, weil Unna nur ihre Inzucht-Szene da hat. Das ist natürlich sehr schade, denn sonst hätten auch andere Bands noch eine Chance gehabt.

Daniel: Ihr wart aber nicht in der Jury. Warum nicht? Hat Euch gar nicht interessiert, wer da vor Euch spielen soll? Dass Ihr alle fünf ausgerechnet an dem Tag verhindert wart, klang für alle Beteiligten an dem Abend doch sehr unglaubwürdig, muss ich sagen...

Bernie: Nee, Dirk (Brand, Schlagzeuger seit 2012) war auf Tour, Matthias (Degener, Gitarrist seit 2019) hatte eine Familienfeier, der Rob (Schomaker, Bassist seit 2004) kommt aus Stuttgart, dem war das zu weit. Harry und ich hätten theoretisch Zeit gehabt, aber wir waren in Hamburg an dem Abend bei einem Vertriebsessen. Das konnten und wollten wir dann auch nicht absagen. Der Hauptgrund, warum wir aber auch gar nicht darum gekämpft haben, ist der, dass wir viele von den Bands, die da spielten, auch kannten. Unser Sound-Mann hat sich beworben. Was hättet Ihr alle gesagt, wenn er es geworden wäre? Weißt Du, was ich meine? Deshalb war es ganz gut, dass wir uns da raushalten.

Daniel: Jetzt haben Somewhere In Nowhere den Contest gewonnen. Hattest Du die Band auf dem Schirm? Kannstest Du ihre Musik schon? Oder hast Du im Nachhinein dann mal reingehört, um zu wissen, worum es geht?

Bernie: Vom Namen her kannte ich die, aber auf dem Schirm hatte ich sie nicht. Ja, habe ich mir später angehört, fand ich auch ganz gut. Ich habe jetzt aber kein Live-Video gesehen, sondern nur etwas gehört. Ja, ich bin mal gespannt, wenn Ihr nachher spielt.

Daniel: Was steht denn in naher Zukunft bei Axxis noch an demnächst?

Bernie: Ja, eine neue Platte ist am Start. Nächstes Jahr feiern wir 35-jähriges Jubiläum. Wir machen zwei fette Konzerte in der Zeche Bochum und in Memmingen; zwei große Konzerte, wo wir über zweieinhalb-drei Stunden spielen; wieder mit vielen Gästen. Wir müssen mal gucken, wer dann alles Zeit hat. Ir werden dann auch Leinwände dabei haben, wo wir Bilder und Filme von damals zeigen. Da kommen jetzt auch ein paar neue noch dazu. Das wird mit Sicherheit eine ganz lustige Sache werden. Und wir werden auch eine Tour machen zu dem Album, was dann rauskommt, wo wir aber noch keinen Titel zu haben, was auch ganz komisch ist. Normalerweise arbeiten wir immer an einem Stück an einem Album. Jetzt haben wir in der Corona-Zeit da mal eine Woche und da mal eine Woche. Da ist total Scheiße! Das Album hat jetzt auch keinen Faden", sondern ist – das kann auch ein Vorteil sein – unglaublich vielschichtig geworden. Es ist sehr divers geworden, das Album. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, müssen die Leute selbst entscheiden. Also ich persönlich finde es auf alle Fälle nicht langweilig, weil wir wirklich von allen Stilen, die wir repräsentieren, etwas drin haben: Power Metal, Rock, Classic Hard Rock, Balladen usw.

Daniel: Wo Du das gerade so sagst: Seht Ihr Euch überhaupt als reine Metal-Band?

Bernie: Nein. Ich habe immer schon gesagt, wir sind eine Rock-Band. Es ist mir auch zu langweilig, nur Metal zu machen. Ich finde einfach Rockmusik geil. Ea lässt mir die Möglichkeiten offen, auch Power Metal oder Metal zu machen. Wichtig ist nur eins: melodische Musik! Das macht mir am meisten Spaß, klar, weil ich ja auch ein melodischer Sänger bin. Wenn ich da rumgrunze, macht das auch keinen Sinn.

Daniel: Wer hat Dich denn eigentlich gesanglich beeinflusst?

Bernie: Rob Halford, Bruce Dickinson, aber eben auch zum Beispiel Jon Anderson von Yes. Das ist ja auch so ein Thema: Es gab in den Achtzigern ein unglaubliches Spektrum an Stimmen. Wenn Du mal zurückguckst: Wir hatten hohe Sänger, wir hatten tiefe Sänger, wir hatten alles. Heute ist das sehr mainstreamig geworden. Die Metal-Szene ist sehr vereinfacht worden in vielen Bereichen. Dass finde ich sehr schade. Es ist nicht mehr so vielseitig. Das, was man uns immer unterstellt hat eigentlich, ist jetzt Mainstream. Und wir sind ja gar nicht mehr dabei!

Daniel: Könnt Ihr denn von Eurer Musik leben, so als Mainstream-Band?

Bernie: Ja, können wir. Aber wenn wir eine Mainstream-Band wären, dann würden wir ja im Radio gespielt werden. Andere Bands, denen unterstellt wird, sie wären kein Mainstream, die werden im Radio gespielt. Da kannst Du mal sehen, wie bescheuert die Diskussion ist, was Mainstream ist und was nicht.

axxis Daniel: Dann sind wir eigentlich durch. Hast Du noch ein schönes Schlusswort?

Bernie: Ja, ich bin mal auf Euch gespannt heute. Wenn Euer Auftritt Kacke wird, darfst Du dieses Interview nicht abdrucken, haha!

Daniel: Habt Ihr denn für heute etwas Besonders geplant?

Bernie: Nein, eigentlich nicht. Obwohl, wir haben zwei neue Sachen mit drin. Wir spielen zum Beispiel Save Me". Das hatten wir ewig nicht mehr mit drin. Wir haben auch Blood Angel" lange nicht mehr gespielt, obwohl wir das vor Corona noch gemacht haben häufig. Love Is Gonna Get You Killed". Wir machen eine gute Mischung aus dreißig Jahren Axxis. Das wird nicht gelingen, aber wir versuchen es zumindest.

Daniel: Macht Ihr auch wieder so ein Akustik-Set in der Mitte?

Bernie: Nein. Das ist raus. Da haben wir bestimmt zehn-zwanzig Jahre gemacht, aber das haben wir jetzt rausgeschmissen. Wir holen auch keinen auf die Bühne. Jetzt machen es die anderen alle. Jetzt macht das der Mainstream. Unsere Zeit ist dafür abgelaufen. Das haben wir als Vorreiter schon lange genug gemacht.

Daniel: Alles klar, vielen Dank!

Bernie: Ja guck, das ging doch ruckizucki. Danke auch!

 



Autor: Daniel Müller